Archiv der Kategorie: CulturalScene

MedienScreen # 44 [Historischer Lügen-Schnitt]

[Fundstück] Peter Richter, zitiert in Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 9. September 2015 –

Es gab keinen Schnitt ’89/90, die Historie läuft kontinuierlich weiter. Der Schnitt ist die Lüge. Es sind dieselben Leute, die in jenem Herbst jubelten und die heute Asylantenheime anzünden; vielleicht sind es zwei Seiten einer Medaille.

Dirk Rasch: Rettet den Fußball? Geschichte neu schreiben?

Es ist eher ein Büchlein, welches Dirk Rasch da noch im vorigen Jahr veröffentlicht hat. Aber der Titel klingt gewaltig: “Rettet den Fußball!“ – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Chapeau vor so einer versuchten Herangehensweise.

ef_dom
(Foto: O.M.)

Beim Lesen allerdings fragt man sich dann mitunter, wo der Ansatz denn geblieben ist. Gut, akribisch wird die Entwicklung des Profifußballs beleuchtet. Mit netten Anekdoten gewürzt verfolgt der Autor die Kommerzialisierung des Rasenballsports. Fleißig recherchierte Tabellen untermauern eindrucksvoll die Finanzspiele in den bundesdeutschen sowie auch europäischen Ligen. Historie wird zuhauf bemüht.

Und historisch betrachtet stutzt der Leser schon einmal. Kostprobe?

“(…) Acht Spieler aus der Weltmeistermannschaft von 1954 (…) spielten in ihrer Karriere für nur einen Verein. Selbst bei den Weltmeistern von 1972 spielten noch die meisten Spieler für nur einen Klub (…)“

Nicht, dass jetzt etwa jemand die Suchmaschine seines Vertrauens nachfragt, wo die Fußball-Weltmeisterschaft 1972 stattgefunden haben mag …

Auch ansonsten taumelt das Werk zuweilen hin und her. Neben den wirklich eindrucksvollen Statistiken und deren Interpretationen dreht sich vieles um den VfL Osnabrück, als dessen Präsident Dirk Rasch viele Jahre agierte. Soweit so ausführlich, wenn es sich nicht teilweise wie eine persönliche Selbstbeweihräucherung lesen würde. Auch der Wettskandal, in den während der Saison 2008/09 ehemalige Spieler des VfL Osnabrück verwickelt waren, findet seinen reichlich bemessenen Leseraum. Und mehrmalige Textwiederholungen – beispielsweise à la was wäre mit dem VfL, wenn nicht dies oder jenes geschehen wäre – machen das Ganze auch nicht unbedingt besser. Abgesehen davon ist es selbstdarstellend streckenweise fast schon etwas peinlich, immer wieder unter die Lesenase gerieben zu bekommen, mit wem, wo und warum Herr Rasch alles schon einmal gesprochen oder Bücher geschrieben beziehungsweise herausgegeben hat. In solchen Passagen des Buches ist das “Rettet den Fußball!“ sehr weit weg, das unbestritten umfangreiche Wirken von Dirk Rasch um so näher.

Sprachlich ganz nah daher kommt der Autor übrigens hier und da bei seinen eingeflochtenen Anekdoten. Kostprobe?

“(…) Nach dem Schlusspfiff des Relegationsspiels machte ich mich auf den Weg in die Spielerkabine. Um dorthin zu kommen, musste ich über das Spielfeld gehen. Auf dem von Dynamo-’Fans’ umgepflügten Rasen war eine Hundertschaft Polizisten damit beschäftigt, Schlimmeres zu verhindern. Diese fanatischen, außer Kontrolle geratenen Sachsen gaben mir nach dem Abstieg den Rest. Es traf mich ein Schlag. Vor mir stand eine mit Tattoos dekorierte Dresdner ’Glatze’. Sofort identifizierbar am Dialekt, der mir seit Olaf Schubert nicht unsympathisch ist. ’Vorpiss disch’, forderte er mich auf. Mithilfe von zwei Polizisten erreichte ich die Spielerkabine. Ich bekam noch mit, dass Hunderte von Dresdnern, infiziert durch die Droge Gewalt, dabei waren, das schmucke Osnabrücker Stadion auseinanderzunehmen. Wer diese abstoßenden Bilder gesehen hat – es war für mich nicht das erste Mal -, der kann nicht glauben, dass die Evolution die Menschen in Mitteleuropa zivilisierter hat werden lassen (…)“

Vorangestellt ist dieser kleinen Wortgewaltigkeit übrigens eine Anmerkung des Autors über seinen Rücktritt als VfL-Präsident im Februar 2012: “Eigentlich hatte ich schon acht Monate vorher mein Ehrenamt niederlegen wollen. Unmittelbar nach dem verlorenen Relegationsspiel gegen Dynamo Dresden am 8. November 2011 hatte ich mich zu diesem Schritt entschlossen“.

Nicht, dass jetzt etwa jemand anfängt zu googlen, in welchen unmittelbaren Zeiträumen Relegationsspiele in bundesdeutschen Ligen ausgetragen werden …

osnabrueck_24_5_11
(Osnabrück, 24. Mai 2011 – Foto: O.M.)

Ja, so kleine Anekdoten erzählen sich in diesem Buch scheinbar wie von selbst vor sich hin. Noch eine Kostprobe?

“(…) Unser Torjäger Thommy Reichenberger schoss unter Flutlicht in Erfurt kurz vor Spielende das 2:0 für den VfL. Ich saß auf der Tribüne und freute mich wohl zu auffällig. Plötzlich sprangen mich von hinten zwei Erfurter ’Glatzen’ an. Ehe ich reagieren konnte, kreisten mich etwa zehn Thüringer ’Edelfans’ ein. Ich bekam einen Schlag gegen die Schulter. Mein Handy fiel zu Boden. Ich musste spontan, schnell und richtig reagieren. ’Liebe Erfurter, wenn ihr mich gehen lasst, werde ich meinen Soli-Zuschlag für euch weiter zahlen. Wenn nicht, stelle ich die Zahlung ein.’ Zehn Augenpaare starrten mich verständnislos an. Diesen Moment nutzte ich. Ich schnappte mir mein Handy und raste los in Richtung Tribünenausgang. Sie sind mir nicht gefolgt (…)“

Aber besser, dramatischer geht noch immer. Eine letzte Kostprobe?

“(…) Sportfotograf Helmut Kemme sagte mir vor unserem ersten Spiel im neuen Dresdner Stadion mit Blick auf den Dresdner Fanblock: ’Ich bin seit 30 Jahren unterwegs. Ich kenne die meisten Stadien. Nicht nur in Deutschland. Heute habe ich zum ersten Mal Angst.’ (…)“

Gewiss, eine unterstellt geografische Engsichtigkeit versucht der Autor mithin geschickt zu relativieren: “Gewaltausbrüche in den Stadien – und mehr noch außerhalb – spielen sich nicht nur in den neuen Bundesländern ab“. Um fast gleichzeitig zu resümieren: “Angst macht sich breit. Überall in Europa. In Rom, Neapel, Dresden, Rostock, Frankfurt, Paris, Amsterdam, Moskau oder Krakau ist die Gewalt ein ständiger Begleiter des modernen Profifußballs geworden“. Die Botschaft erkennt man wohl …

Sei’s drum – “Osnabrück ist jene Stadt, in der laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung die glücklichsten Menschen Deutschlands leben. Die Studie ist schon ein wenig älter, doch möglicherweise ist sie immer noch aktuell. Dennoch komme ich nicht von einem anderen Stern. Ich kenne die Realitäten des Fußballs“, so Rasch über Rasch.

Dirk Rasch scheint zudem noch einiges vorzuhaben, nicht nur schriftstellerisch. “Ich werde auch wieder in die Landeshauptstadt Erfurt reisen. Und auch ins nahe gelegene Weimar. Eine der schönsten Städte Deutschlands. Nur das Erfurter Stadion werde ich nicht mehr aufsuchen. Das gilt auch für die Stadien in Rostock, Magdeburg, Halle und Dresden. Dabei geht es nicht nur um persönliche Angst. Ich habe ein grundsätzliches, ethisches Problem mit Gewalt. Auch ein optisches.“ Optisch gesehen glänzt sein geschriebenes Werk übrigens gebunden in einem optimistisch gehaltenen Grün.

Einige interessant informative Recherchen rund um den zu rettenden Fußball kann man in diesem Buch durchaus ruhig immer wieder einmal nachschlagen. Mehr aber auch nicht. Schade.

“Rettet den Fußball! – Zwischen Tradition, Kommerz und Randale“. Dirk Rasch. Verlag Die Werkstatt. 2014.

Die Zukunft des Fußballs ist bedroht. Während einige wenige Klubs von Oligarchen und TV-Geldern profitieren, reicht es für die vielen Vereine der unteren Ligen kaum zum Überleben. Dirk Rasch kennt diese Problematik als langjähriger Präsident des VfL Osnabrück. Er analysiert, national wie international, die Auswüchse der Kommerzialisierung und kritisiert die fußballerische Zweiklassen-Gesellschaft. Sein leidenschaftliches Plädoyer mündet in der Forderung: “So viel Tradition wie möglich – so viel Geschäft wie nötig.“ (Klappentext)

[Dieser Artikel wurde am 25. Mai 2015 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Fear City Dresden – Frank Willmann reflektiert Dynamo

Gehen wir davon aus, dass es wirklich Leute geben soll, die sich die Zeitschrift 11Freunde nur allein schon wegen ’Hans Meyers Wahrheiten’ kaufen. Eine Kostprobe aus der neuesten Ausgabe gefällig? “… in der DDR hatten wir ja ohnehin keine Tanzlokale, geschweige denn Autos.“ Wer die Meyer’sche Ironie mag, kann den Hans nur mögen.

Ironie ist ja zuweilen auch ein fester Bestandteil publizistischer Organe in der Presselandschaft. Und muss als solche – griechischer Stinkefinger hin oder her – nicht ausdrücklich als solche gekennzeichnet werden.

Ist es Ironie, wenn man beim Blättern durch das aktuelle 11Freunde-Heft dann urplötzlich an einen gewissen Andreas Böni erinnert wird? Ein Déjà-vu in der Matrix?

11freunde_161

Nun kann man mitnichten den Artikel “Stadt der Angst“ von Frank Willmann mit dem damaligen Böni’schen “Ich war in der Hölle von Dresden“ vergleichen. Zumal es bei Berichten rund um Dynamo Dresden schon immer gern einmal ein bisschen mehr sein durfte, scheinbar hier und da nach wie vor unverändert. Und wenn es auch nur die reißerische Headline in einer seriösen Fußballfachschrift ist.

Über den Inhalt des Willmann’schen Angst-Beitrages in 11Freunde Numero 161 mögen die geneigten Leserinnen und Leser letztendlich selbst befinden. Der Output von gut drei dreispaltig bedruckten Textseiten hat schließlich einiges an akribischer Recherche hinter und in sich. Ziemlich unironisch gemeint. Garantiert.

“Dynamo Dresden ist der Gewaltklub des deutschen Profifußballs“ (Frank Willmann, 11Freunde, Ausgabe April 2015).

Fein, dass wir wieder einmal darüber gesprochen haben.

Und jetzt haben alle eine Stunde Zeit, um ihr Wissen über Ausschreitungen und Gewalt in der deutschen Fußball-Landschaft zu aktualisieren. Also: Bundesweit. Update läuft.

“Haben Sie schon mal einen Wegweiser gesehen, der mitläuft, junger Mann?“ Der Meyer Hans hat doch immer noch einen auf Lager …

Post Scriptum: Und ja, Herr Frank Willmann, der Kotte-Weber-Müller-Fall war “eine große Schweinerei damals“. Ganz ohne Ironie. Punkt.

[Dieser Artikel wurde am 24. März 2015 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]