Archiv der Kategorie: CulturalScene

’Die Welt’ erklärt die ostdeutsche Provinz Dresden

Nein, als Posse ist das Schriftstück aus der Reihe “Ein paar Blitzbesuche in den deutschen Provinzen“ mitnichten deklariert, ebenso wenig als persönlich journalistische Kommentierung, aber eilfertig unter der Headline ’Kultur im Wahlkreis’ ankündigt – “Was gibt es dort zu sehen, zu lesen oder zu hören, wo die Spitzenkandidaten der Parteien antreten?“ Beispielsweise mit dem Flugzeug über Dresden einschwebend und die Stadt “von oben wie ein bürgerliches Paradies“ sehend?

Den Wahlkreis einer durchaus bekannten Linken-Politikerin kann der Überflieger aber “auch von unten aus betrachten, aus der Sicht ihrer Partei. Dann ist die eindrucksvollste Sehenswürdigkeit das Glücksgas-Stadion, malerisch gelegen zwischen Blüherpark und Großem Garten“.

Ja, der Aufgalopp ist mies und wird auch nicht unbedingt besser – befindet sich im weiteren Verlauf dann eher in einem quasi qualitativ freien Fall aus dem Überfliegerflugzeug nach ganz weit unten.

So empfiehlt ein für DIE WELT tätiger Michael Pilz den Besuch des Dresdner Stadions “wenn Dynamo Dresden auftritt und sich der Zweckbau vorwiegend mit Eingeborenen füllt“. ’Eingeborene’ liest sich gut – Chapeau!

An dieser Stelle erlauben wir uns dann aber doch erst einmal vorsichtshalber, kurz den Terminus ’Ostdeutsche Neger’ zu googlen, mit ungefähr 442.000 Ergebnissen in nur 0,33 Sekunden. ’Eingeborene Dresden’ kommt bei der Suche in ähnlicher Zeit auf rund 394.000 Fundstücke – erstaunlich, Herr Pilz; gut recherchiert! Aber wie schaut es mit ’Eingeborener ostdeutscher Neger’ aus?

Ach ja – “Wer ihre Stadt [also die der elbflorentinischen Ost-Sachsen-Eingeborenen-Neger] verstehen möchte, muss Veit Pätzug lesen“, meint Michael Pilz …

“Es sind Heldensagen aus der Zeit der DDR, der Wende und des Widerstands gegen den Westen. In den widerlichsten kommen Nazis vor und Mitmenschen zu Schaden.“

… bezieht sich allerdings dabei fast völlig orientierungslos und zudem auch noch hilflos scheinend auf Pätzug und unterschlägt mehr, als der geneigten Leserin oder dem geneigten Leser von Veit Pätzugs bisherigen Gesamt-Werken bekannt ist – eine reine Zumutung durch Meisterchen Pilz.

Ob es “Unter den Türmen von Dresden“ noch billiger geht? Oh ja, Michael Pilz scheint durchaus investigativ auf der Pirsch gewesen zu sein –

“… Verkürzt gesagt: Der Westfußball gehört den Geldgebern, der Ostfußball den Fans. Die haben ihn erhalten und Dynamo auch nach Meuselwitz begleitet. Gern erschrecken sie den Westen, indem sie sich aufführen wie Söldnerhorden und verwerfliche Parolen brüllen …“

Fast schon beängstigend, wie da jemand seine offenbar losen Latten am Zaun öffentlich so darstellt wie “Unter den Türmen von Dresden“.

Investigativer als investigativ schließt dann das Pamphlet. “(…) Im Stadion führt die linke ’Elb-Kaida’ ihre Massenchoreografien auf und sorgt für Feuerwerk. Empfehlenswert sind auch die Bismarck-Semmeln.“ – Nur wo im Rudolf-Harbig-Stadion gäbe es die aktuell noch? Und wenn, dann keinesfalls mit Ihnen, Herr Michael Pilz.

(…) Eh’ schwarzer Neger, des au’ noch (…) –

[Dieser Artikel wurde am 25. August 2013 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Reinhard “Lacky“ Lakomy: Für die Ewigkeit

Aus gegebenem Anlass sei es erlaubt; nicht unbedingt fußballtangierend, aber durchaus ost- und darüber hinaus kultur-bezüglich sowieso; der Nachwelt zumindest ein Zitat als Erinnerungstupfer an einen “der kreativsten und eigenwilligsten Künstler des Ostens“ (Sächsische Zeitung) dokumentierend zu erhalten sowie gleichzeitig seiner zu gedenken.

“Wer mit dem Traumzauberbaum aufwächst, wird kein doofes Kind.“ [Reinhard Lakomy]

Reinhard Lakomy starb am 23. März 2013, er wurde 67 Jahre alt.

Der Traumzauberbaum als solcher und alles darum herum wird weiter blühen. ’Es war noch nicht das letzte Mal …’ – machs gut, Lacky.

[Dieser Beitrag wurde am 26. März 2013 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

MedienScreen # 24 [Sesamstraßen-Ultras?]

[Fundstück] Christoph Ruf: “Occupy Sesame Street“, in: “Ultras im Abseits? – Porträt einer verwegenen Fankultur“ [Martin Thein | Jannis Linkelmann (Hrsg.)], Verlag Die Werkstatt, Juli 2012 –

(…) Es wird derzeit viel gemauschelt und geraunt in der deutschen Ultraszene. Die Blicke im Block sind misstrauischer geworden, die Abgrenzungsrituale ausgeklügelter, die Codes geheimnisvoller, die Jünger jünger. So jung, dass manche Stirn beim kritischen Stirnrunzeln nicht einmal Falten wirft. Als Journalist muss man sowieso eher froh sein, wenn man auf gerunzelte Stirnen trifft. Die Szene unterstellt den Medien gerne einmal, dass sie eine Ansammlung sensationsgeiler, korrupter Polizeistaatsfanatiker seien, die Ultras pauschal aburteilen. Wie pauschal diese Medienkritik ist, merkt allerdings der ein oder andere. Auch im Umgang mit der Presse wird sich weisen, ob Abgrenzung oder Öffnung künftig das Leitmotiv sein wird.

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit brachte die Szene endlich frischen Wind in die Kurven, die neugierig waren, und die deshalb Neugier weckte. Sollte es doch noch einmal so etwas geben wie eine Renaissance der kritischen Fanszene aus den 1990ern? Es sollte. Nur dass die Umarmungsstrategie der Fanveteranen schnell im Keim erstickt wurde. Denn weder die Aktionsformen noch die Kommunikationsmittel von damals waren die von heute. Und das war auch gut so. Oder doch nicht? Ist vielleicht doch nicht alles Neue per se sakrosankt? Es gibt Themen, in denen die Szene langen Atem bewiesen hat. “Pro 15:30“ (heute “Pro Fans“) hat mit seinem damaligen Kernanliegen nachhaltig das Bewusstsein der Fußballfreunde geprägt. Auch “Pyrotechnik legalisieren“ hat höchst professionell gearbeitet und so die manchmal sehr trägen Apparate von DFB und DFL ganz schön ins Schwitzen gebracht. Beides sind hervorragende Beispiele dafür, mit welcher Stringenz die heutige Fangeneration ihre Anliegen nach vorne bringen kann; die heute 40- bis 50-Jährigen haben damals noch oft aus Spaß an der Freude diskutiert. Und irgendwann konstatiert, dass sie nichts erreicht haben.

Und dennoch: Es bleibt der Verdacht, dass die Ultra-Bewegung in vielerlei Hinsicht letztlich nur ein Kind ihrer Zeit ist, in der einige mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit Fananliegen vertreten. Und die Masse die Szenespielchen spielt. Not my generation: Heutzutage kommt Form vor Inhalt, das steht einmal fest.

Die Formalia jedenfalls stimmen in der Ultra-Szene. Der Capo erfüllt satzungskonform seine Capo-Pflichten, der Szene-Neuling trägt die Bierflaschen fort, die die Altvorderen ausgetrunken haben. In Studentenverbindungen und bei den Gebirgsjägern gelten die gleichen Gesetze. Doch selbst diese Institutionen wirken in ihrer Bräsigkeit manchmal geradezu erwachsen, wenn man ihre Riten mit dem heiligen Ernst vergleicht, den Ultras auf Kindereien verwenden (…)

Man kann sich stundenlang über die Gepflogenheiten der Sesame-Streetgangs amüsieren. Es ändert nichts an dem beklagenswerten Umstand, dass Dinge, die ernst gemeint sind, irgendwann auch ernst werden. Doch die Verselbständigung einst augenzwinkernder Szenerituale hat Folgen. Nicht nur für den Normalo-Fan, der ein blaues Auge mehr und einen Schal weniger hat. Heute wirkt die Ultraszene mancherorten dogmatischer als der Vatikan. Was nichts anderes bedeutet, als dass ihr das gleiche Schicksal wie dem Heiligen Stuhl drohen könnte. Massiver Mitgliederschwund und die intellektuelle Vergreisung.

Die Alternativen liegen allerdings auf der Hand. Es kommt darauf an, ob sich die Sub-Szene als Teil der gesamten Fanstruktur der Kurve begreift. Gerne auch als radikalerer, unerbittlicherer Teil. Aber eben als Teil eines größeren Ganzen. Als Gruppe, die sich Antennen nach außen bewahrt hat, anstatt nur noch zu funken. Das wäre ihr zu wünschen. Wahrscheinlicher scheint derzeit, dass der Trend zur Inzucht weitergeht und sich die Szene erbitterte Infights im eigenen Ghetto liefert, sich weiter radikalisiert und in gewalttätigen Räuber- und Gendarmspielen ergeht. Das wäre allein deshalb bedauerlich, weil Ultrà dann tatsächlich so autistisch würde, wie seine Gegner es schon lange sehen.

Es wird spannend sein zu beobachten, in welche Richtung die Reise der Ultras geht. Klar ist nur eines: Die Fronten verlaufen exakt so wie damals im Berliner “Kosmos“. Zwischen denen, die für Nachdenklichkeit werben, und denen, die sich von den echten Hooligans nur noch in einem Punkt unterscheiden: Die Hools in den 1980ern und 1990ern haben sich geprügelt, wenn sie das wollten. Es ist eben ein einförmig’ Ding um das Menschengeschlecht …

Die heutigen “Hooltras“ scheinen jedoch in ihrem tiefsten Inneren heilfroh zu sein, dass so oft die Polizei zwischen den Fronten steht, wenn zwei verfeindete Ultragruppen sich wie eine Horde Pavianmännchen beim Paarungsritual in Pose werfen (…) Längst sind beim Räuber- und Gendarm-Spiel für junge Erwachsene ein paar Tabus gefallen, an die sich noch vor zehn Jahren die allermeisten Ultras zwischen Rostock und Burghausen hielten (…)

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(Foto: O.M.)

(…) es sind Einzelfälle, die sich in den vergangenen Jahren so gehäuft haben, dass der Beobachter nicht mehr sicher sein kann, welcher der beiden Pole die Oberhand behalten wird. Der, der Rebellentum inhaltlich definiert. Oder der, der maximale mediale Aufregung für einen Beweis der eigenen Widerspenstigkeit hält. Und der dabei gar nicht merkt, wie sehr er auf die Mechanismen von exakt den Boulevardmedien hereingefallen ist, die man eigentlich einmal an der Nase herumführen wollte.

Aber geschenkt: Ultras sind meist noch sehr jung. Dumm sind sie allerdings nicht. Schon gar nicht in ihrer Kommerzkritik. Denn natürlich wissen auch Ultras, dass Sponsorengelder fließen müssen, um einen Bundesligaetat aufrechtzuerhalten (…)

Es mag zwar etwas skurril klingen, wenn die meist sehr jungen Ultras die “Tradition“ beschwören und von früheren Zeiten schwärmen. Doch auch für die meisten anderen Stadiongänger ist der – entsprechend romantisch verklärte – Haudegen, der in den seligen Siebzigern 400 Bundesligaspiele für einen einzigen Verein absolvierte, das Idol (…)

Nach jedem Spiel posten Ultras Hunderte Fotos von ihren Choreografien, hochkomplexen Mosaik-Bildern aus Tausenden gleichzeitig emporgereckten bunten Blättern, sie bewerten den “Support“ der Gastmannschaft und ihre eigene Gesangsleistung (…) Ultras sind Teil der Generation Internet. Sie stellen alles online, was von ihren Heldentaten kündigt. Ultras sind enorm selbstverliebt. Zu ihrer Entschuldigung kann man nur anführen, dass das in der großen Blase namens Bundesliga so gut wie alle sind: Spieler, Funktionäre. Und nicht zuletzt Journalisten. Mancher von uns gockelt noch selbstherrlicher durch den Stadioninnenraum als die Ultrafürsten durch die Kurve (…)

Der “Support“, angeblich ja die selbstlose Unterstützung der eigenen Mannschaft, ist längst auch zum Wettbewerb zwischen den Ultra-Szenen einzelner Klubs geworden (…) Das alles passt zur Selbststilisierung als rebellische Gegenbewegung gegen das Fußball-Establishment (…)

(…) Dabei ist die Szene bei aller Freiheits-Rhetorik reglementierter als jeder Kaninchenzüchterverein. Wer als Journalist eine Frage an ein Gruppenmitglied hat, sollte Zeit mitbringen. Wie in den Gründungsjahren der Grünen muss auch bei den Ultras zuerst das Plenum entscheiden, wer aus der Gruppe welche mit dem Kollektiv abgestimmte Aussage treffen darf. Und wehe, einer spricht einfach so mit der bösen Presse. Die Suche nach dem “Verräter“ kann stalinistische Züge annehmen. Insofern hat auch der Korpsgeist der Szene etwas Undeutsches (…)

Den allermeisten Ultras ist “Ultrá“ viel zu heilig, als dass sie es auf ein Sandkastenspiel für Schwarzgekleidete reduzieren wollten. Sie wissen, dass der Bundesligazirkus nichts dringender braucht als eine wache Öffentlichkeit. Und am wachsten ist die Szene, die von Montagmorgen bis Sonntagabend niemals schläft. Ohne Ultras wäre der Alltag in den Stadien schließlich längst noch seelenloser, als er eh schon ist (…) Unterm Strich ist das Fazit damit klar: Dass es die Ultras gibt, ist richtig, schön und wahr. Es stimmt schließlich tatsächlich, dass sie ein Stachel im Fleisch des Fußball-Establishments sind. Nur, dass man das deutlich lieber feststellen würde, wenn die Ultras nicht selbst so versessen darauf wären, sich als Che Gueveras von Paderborn und Alltime-Anarchos von Aachen-Oberforstbach zu stilisieren, bis sie auch in ihren hellsten Momenten nicht mehr merken, wie kleingartentauglich sie geworden sind (…)

(…) Denn im Grunde genommen sehen sie alle anderen Fußballfans in der Kurve genau so, wie sie auch von den Fußballmächten gesehen werden: als unkritische konsumierende Masse. Bleibt zu hoffen, das diese Sichtweise nicht einmal als entscheidende Überdosis Arroganz auf einem Grabstein mit der Aufschrift “Ultrá“ stehen wird. Eines ist sicher: Bei der Beerdigung werden ein paar unangenehme Gestalten mit verdächtig guter Laune auftauchen. Noch wäre genug Zeit, sich ihnen lebend zuzuwenden. Weder die FIFA noch Anheuser-Bush wohnen in der Sesamstraße.

[Dieser Beitrag wurde am 13. Januar 2013 bei Ostfussball.com publiziert.]

Hinterherruf: Machs gut, Eddi Külow

Edgar Külow ist tot. Er starb am 29. Septembermorgen des Jahres 2012 im Alter von 87 Jahren. Wem man – im DDR-Osten der jetzigen Bundesrepublik gebürtig – allerdings erklären muss, wer Edgar Külow war, dem mag dieser Hinterherruf links an der eigenen Eckfahne vorbei gehen. Aber das ist nicht die Absicht – und das hätte Eddi so auch bestimmt nicht gewollt, sei’s drum.

Der Schauspieler, Kabarettist und Autor Külow schrieb in seinem durchaus langen Leben unter anderem für den Eulenspiegel sowie die Fußball-Kolumne “Eckenbrüller“ für die Zeitung junge Welt.

(…) Bis in die Nuller-Jahre hat er fürs Fernsehen gedreht, bis kurz vor seinem Tod ist er Auto gefahren, hat Bühnenauftritte absolviert und seine Fußball-Kolumne “Eckenbrüller“ für die Sportseite dieser Zeitung auf Schreibmaschine getippt und persönlich vorbeigebracht. Als er 75 wurde, hat er der jW erzählt: “Ich kann den ganzen Tag auf dem Sofa liegen und Fußball gucken. Tagelang, wochenlang, monatelang könnte ich das“, nur käme er leider nie dazu (…)

(…) Seine Kolumne, die er in ähnlicher Form auch schon für die Neue Fußballwoche verfasst hatte, lebte von der Fallhöhe zwischen dem Bundesligageschäft und den Prüfungen, die der Berliner Klub Einheit zu Pankow in den unteren Ligen zu bestehen hatte (…) [jungewelt.de, 1. Oktober 2012]

Und wer einmal das Glück hatte, Edgar Külow in einem Stadion am Rande zu begegnen, wird dieses Ereignis bestimmt niemals vergessen – Külow’s Leben dabei mitnichten allein auf Fußballplätze reduzierend.

Angesichts seines Todes will man den Pankowern und den Lesern am liebsten mit seinen Worten zurufen: “Sauft Jungs, der Ball rollt von alleine!“ [jungewelt.de]

Eddi, Du wirst nicht nur wenigen Menschen fehlen. R.I.P. – und machs gut!

[Dieser Beitrag wurde am 1. Oktober 2012 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Blickfang Ultra lässt Saison 2011/12 Revue passieren

Vor rund einem guten Jahr hatte die erste Sonderausgabe dieser Art von Blickfang Ultra (BFU, Das Magazin der Szene) Premiere – und bot “in gewohnt hochwertiger Druckqualität ’einen einzigartigen und noch nie dagewesenen Rückblick auf die vergangene Saison’ aus der Sichtweise von 46 Ultra-Gruppierungen aus dem Bundesgebiet der Republik“.

Im nunmehr seit Mitte August 2012 vorliegenden Saisonheft 2011/12 werden von BFU in Zusammenarbeit mit wiederum zahlreichen bundesdeutschen Ultra-Gruppierungen Rückblicke auf die vergangene Spielszeit präsentiert – drucktechnisch hochqualitativ, im Heft selbst allerdings quantitativ sowie auch inhaltlich durchaus binnendifferenzierende Unterschiede aufweisend. Wirklich eindrucksvoll optisch garniert wird dieser Rückblick 2011/12 (“37 Gruppen auf 288 Seiten“) mit über 300 Fotos.

Aber da sind nicht nur Rückblicke. So ist bereits schon im Vorwort aus Sicht des Verfassers zu lesen –

“(…) Die Aussicht auf die gerade beginnende Spielzeit stimmt ja nun nicht gerade frohen Mutes. Ich will nicht ins allgemeine Wehklagen einstimmen, aber fürchte, dass es durchaus eine richtungsweisende Saison werden könnte. Aber eigentlich wissen wir das ja alle und ich denke jeder der dieses Heft liest, bekommt auch die aktuellen Entwicklungen und Tendenzen in ausreichender Form mit (…)“

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Nachdem im Vorjahr beim saisonalen Rückblick aus dem ostdeutschen Raum sieben Ultra-Gruppen zu Wort und Bild kamen, sind es diesjährlich acht. Auch Grund genug, aus den publizierten Statements gruppenalphabetisch auszugsweise, zugegeben hier und da durchaus provozierend zugespitzt, einiges ansatzweise zitierend darzustellen – und damit, vielleicht auch generell, ein wenig Lust zum ausführlicheren Weiterlesen der BFU-Print-Ausgabe zu implizieren.

* BLOCK U # 1. FC Magdeburg –

“(…) Krisenkind 1. FC Magdeburg – Ob wir Dich noch mal groß kriegen? (…)“

* ERFORDIA ULTRAS # FC Rot-Weiß Erfurt –

“(…) Wer schon einmal im Steigerwaldstadion war, kennt diesen Charme, aber auch die vorherrschende Akustik,. Die schlechte Heimspielstimmung aber allein darauf abzuwälzen, ist schlussendlich zu einfach (…) Generell kann man sagen, dass soziale Arbeit und Engagement in und um Erfurt mittlerweile ein fester Bestandteil in unserem Gruppenleben sind (…)“

* HORDA AZZURO # FC Carl Zeiss Jena –

“(…) Es gab in den vergangenen zwölf Monaten Tage und Wochen, da warst Du zweifellos stolz und wusstest, was es doch für ein unersetzlich geiler Haufen ist, in dem jeder und jede weiß, was zu tun ist. An anderen Tagen könnte man dagegen heulend zusammenbrechen und fragen, ob das verdammte Facebook, sinnlose Hobbies, rumgammeln, daraus resultierende fragwürdige Parallelstrukturen und Möchte-Gern-Gequatsche so wichtig sind auf dieser Welt (…)“

* RED KAOS 97 # FSV Zwickau –

“(…) Das Finden einer Linie ist schwieriger denn je und lässt die Frage ’Quo Vadis?’ Red Kaos noch immer unbeantwortet im Raum stehen (…)“

* SAALEFRONT ULTRAS # Hallescher FC –

“(…) Wo wir vor wenigen Jahren nur ungläubig den Kopf schütteln konnten, als andere Szenen von diversen Negativerfahrungen berichteten, erleben wir seit einem Jahr die volle Breitseite der Bullenmaschinerie (…)“

* ULTRAS CHEMNITZ 1999 # Chemnitzer FC –

“(…) Die Chemnitzer waren je nach Rechnungsweise das zweit- oder sogar reisefreudigste Häufchen in dieser 3. Liga. Knappe 660 Himmelblaue waren durchschnittlich unterwegs, um den CFC auswärts zu unterstützen (…) Allerdings krankt es wie bei so vielen anderen Szenen auch am Heimsupport, der nur selten den Bereich ’akzeptabel’ verlässt und wenn, dann eher nach unten (…) Allerdings muss man an dieser Stelle festhalten, dass auch die Jugendlichen in Chemnitz zur Zeit ein Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft darstellen. Klappt was nicht, wird’s weggeworfen und man macht was neues, statt einfach mal die Arschbacken zusammen zu kneifen und den schweren, aber machbaren Weg weiter zu gehen (…)“

* ULTRAS DYNAMO # SG Dynamo Dresden –

“(…) Egal ob im K-Block oder auf der Hornbachtribüne, der Zusammenhalt in Dresden zwischen allen Dynamofans ist hoch (…) Die einen wollten lieber heute als morgen die Fäuste entscheiden lassen, die anderen beriefen sich auf die Verantwortung der Gruppe den K-Block zu führen und nicht selbst Polizei zu spielen (…) Die einen wollten eine öffentliche Stellungnahme schreiben um die Gruppe zu schützen, die anderen hatten die Schnauze voll, sich ständig vor der Presse und ’Dummdeutschland’ zu rechtfertigen (…)“

* WUHLESYNDIKAT # 1. FC Union Berlin –

“(…) Zur Mentalitè Köpenick können wir als WS auch im Jahr 2012 noch festhalten, dass ein wesentlicher Bestandteil unserer Gruppe das gemeinsame Spaßhaben ist (…) Dennoch ist das Verhältnis zu nahezu allen wichtigen Leuten im Verein nach wie vor gut und beide Seiten schätzen die Arbeit des anderen (…) Kreativität und Ideen können nur entstehen, wenn man einen gewissen Freiraum hat und nicht, wenn man gezwungen ist, in der nächsten Woche die Welt neu zu erfinden, weil man in der AG XY ist (…) Aber diese Ossi-Spiele verlieren durch das übertriebene Vorgehen der Sicherheitsfanatiker von Jahr zu Jahr ihren großen Reiz (…)“

Darüber hinaus sind im BFU-Saisonheft 2011/12 noch 29 Gruppierungen der bundesdeutschen Ultra-Szene präsent.

“(…) Mal sehen, ob wir in einem Jahr einen erneuten Versuch wagen. An sich macht sowas ja wirklich nur Sinn, wenn der Großteil der ’größten’ Gruppen weiterhin an Bord ist. Ein Saisonrückblick nur mit ’vernünftigen’ Gruppen (wer entscheidet das und spielt Richter?), wie von einigen Nicht-Teilnehmern gewünscht, ist nicht unbedingt in unserem Sinne (…)“ [BFU-Rückblick 2011/12, Vorwort]

Das 2011/12’er Saisonresümee von Blickfang Ultra ist mit sechs Euro ausgepreist und beim Händler des jeweiligen Vertrauens derzeit durchaus noch erhältlich.

[Dieser Artikel wurde am 7. September 2012 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

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