Von Kennern für Kennenlerner: Frank Willmann – ZONENFUSSBALL

Es ist nur zu vermuten, ob sich einige der Kapitelüberschriften dieses Buches der geneigten Leserschar auch jenseits des vormalig ostzonalen Kerngebietes auf Anhieb im beabsichtigten Kontext erschließen werden: “Wie wir den Kalten Krieg gewannen“, “Russisch Fluchen Lektion 1“, “In jeder Imbissbude ein Spion – Fußballfans in der DDR“. Das gemeine Ossi dagegen wird wahrscheinlich nur müde wissend vor sich hin schmunzeln, bei der Überschrift “Wie der Stahl gehärtet wurde“ fast zwangsläufig zuerst irgendwie an Pawel Kortschagin denken und dann vielleicht ebenso wie das gemeine Wessi grübeln, worum es denn genau genommen geht.

Es geht um Fußball, eigentlich. Um den früheren Fußball und andeutungsweise gleichfalls schon auch um den heutigen, zuvorderst den Fußball in und aus dem Osten der jetzigen Bundesrepublik, der früheren Zone. Folgerichtig trägt das nunmehr neueste Werk von Frank Willmann – überregional durchaus bekannt geworden durch das Buch “Stadionpartisanen – Fußballfans und Hooligans in der DDR” – also bezeichnenderweise den einfachen Titel “ZONENFUSSBALL – Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen”.

FIGHT FOR YOUR RIGHT TO PARTY

Der Fußballplatz. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2011. Dies sind die Abenteuer des Zonenfußballs, seit über zwanzig Jahren unterwegs auf der Suche nach Glück und Erfolg. Viele Lichtjahre dringt die Kunde seines Scheiterns in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Verehrter Leser, glaube mir und schau auf das gegenwärtige deutsche Fußballland. Überall verblühte Ostklubs im Meer westgermanischer Großkopfeten. In der ersten deutschen Spielklasse findet sich nicht ein Zonenklub wieder. In Liga zwo nagen Union Berlin, Erzgebige Aue, Dynamo Dresden, Hansa Rostock und Energie Cottbus an Schinkenknochen. In Liga drei sind Carl Zeiss Jena, Rot-Weiß Erfurt, Babelsberg 03 und der Chemnitzer FC anzutreffen. Gerade mal neun Klubs von sechsundfünfzig dürfen sich Profiverein nennen.

Auf den folgenden Seiten erzählen wir euch, warum das so ist (…)

Was waren das für selige Zeiten, als man rechtschaffende Fußballer noch auf der Straße traf und ihnen in Ost und West ehrlich die Meinung geigen konnte. Heute ist hochklassiger Fußball zum fettigen Event verkommen. Kapital und Werbeindustrie diktieren uns den Spielplan (…)

Verlogene Geschäftemacherei, soweit mein entzündetes Auge blickt!

Doch bedenke, früher waren auch alle gegen alle (…)

Haltet euch fest, KameradInnen: Beamen wir uns zurück in eine Zeit, als rote Brause in Strömen floss und bisweilen alles 7, 8, 9, 10, Klasse war.

[Aus dem Vorwort von Frank Willmann]

Neben Willmann erzählen 29 weitere Autoren ihre ganz eigenen Geschichten rund und runder über und um das Fußball-Fan-Leben im damaligen ostzonal begrenzten geografischen Raum, mitunter auch darüber hinaus und durchaus bis in die heutigen Tage reichend. Dabei fließt nicht nur besagte rote Brause verbal in Strömen, auch die überschriftliche “Bockwurst mit Senf“ kommt zu ihrem mehr oder weniger nostalgischen Recht. Es ist zuweilen fast so, als würde man auf der Zunge schmecken und mit den Augen sehen können, was im Buch zu lesen ist. Chapeau!

Allerdings krankt ZONENFUSSBALL mit seiner weiteren Titulierung “Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen“ daran, dass leider kein hilfreiches Vereinsverzeichnis im Anhang aufgelistet ist, Schade ’drum. Aber zur allgemeinen Gesundung des Werkes sei angemerkt: Kaum nirgends, außer wohl in ZONENFUSSBALL, sind aktuell solcherart explizit zusammengestellte und durchaus skurrile Statistiken kompakt zu finden, wie beispielsweise in den Rubriken “Die höchsten Niederlagen in der DDR-Oberliga“, “Die torreichsten Oberligaspiele“, “Die Fußball’dörfer’ der DDR“, “Oberligaspiele mit den wenigsten Zuschauern“, “Die fleißigsten Auf- und Absteiger der Oberliga“, “Oberligavereine mit den häufigsten Namenswechseln“, “Straße der besten DDR-Vereinsnamen“.

Und über den kleinen Lapsus, dass – wie von Frank Willmann im Buch dargestellt – die wöchentliche DDR-Zeitschrift “Fußballwoche“, im Volksmund “FuWo“, nicht am jeweiligen zweiten Wochentag auch außerhalb der DDR-Hauptstadt käuflich erwerbbar war – Stichwort: Bahnhofskiosk früh am Dienstagmorgen – kann am flackernden Erinnerungslagerfeuer rückblickend durchaus großzügig hinweg gesehen werden.

Frank Willmann ist die Stimme des Fußball-Ostens, Enzyklopäde und großväterlicher Anekdotenerzähler längst verstaubter ehemaliger DDR-Oberligisten, Kuttenfan, stiller Beobachter und kritischer Zeitgeist in einer Person. [11 Freunde – Magazin für Fußballkultur]

Resümee: ZONENFUSSBALL einfach selbst lesen. Pawel Kortschagin muss ja nun nicht unbedingt von jedermann gekannt oder gar auch noch verstanden werden, aber vielleicht der Fußball in und aus der Zone ein wenig, oder nunmehr auch noch ein wenig mehr, so quasi als kleinster gemeinsamer Nenner, irgendwie – Danke für den Versuch, Frank Willmann.

ZONENFUSSBALL
Frank Willmann (Hrsg.)
Verlag Neues Leben, 2011

[Dieser Artikel wurde am 23. August 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Ultras: Rückblick voraus?

Vor bereits gut einem Monat veröffentlichte das Magazin Blickfang Ultra (BFU) in einer Sonderausgabe etwas so bislang noch nicht praktiziertes und präsentierte – in gewohnt hochwertiger Druckqualität – “einen einzigartigen und noch nie dagewesenen Rückblick auf die vergangene Saison“ aus der Sichtweise von 46 Ultra-Gruppierungen aus dem Bundesgebiet der Republik.

Umrahmt von zahlreichen Fotos bilanzieren die Gruppen auf insgesamt 276 Seiten in unterschiedlicher Quantität – und durchaus auch unterschiedlicher Qualität – ihre jeweilig spezifische Sicht zu Ereignissen und Entwicklungen im zurückliegenden Fußballjahr, zu Höhen und Tiefen, zu Gängelung und Repression; aber auch in Hoffnung auf Änderung der offenbar immer mehr um sich greifenden restriktiv unhaltbaren Zustände gegenüber des aktiven Fanbereiches.

bfu_saison_10_11

“Zustande gekommen sind ehrliche, selbstkritische, aber auch nachdenkliche und somit sehr interessante Texte“ (BFU), die letztendlich mehr als nur ein Spotlight auf und in die bundesdeutsche Fußballszene werfen. Gleichzeitig wird allerdings im Vorwort der gedruckten Ausgabe auch die Entstehungsgeschichte des Heftes ein klein wenig näher beleuchtet, die scheinbar von geprägten Abneigungen untereinander über generelle Verweigerung zur Mitarbeit bis hin zum unterstellten “Schwanzvergleich“ innerhalb eines solchen Projektes reichte. Derlei interne Querelen sind letztendlich aber dem vorliegenden Endprodukt nicht anzumerken, anzulasten ist jedenfalls die gefühlte Unvollständigkeit der Gruppen-Rückblicke den engagierten Machern des Heftes sowieso mitnichten.

Bei diesem saisonalen Rückblick kommen aus dem ostdeutschen Raum sieben Ultra-Gruppierungen zu Wort und Bild. Grund genug, auszugsweise einige deren hervorstechend dargestellten Statements gruppenalphabetisch widerzuspiegeln und gleichzeitig vielleicht auch ein wenig Lust zum ausführlicheren weiterlesen zu implizieren.

* Block U Magdeburg # 1. FC Magdeburg –

“Gepaart mit einem ’Discoverbot’ bis zum Saisonende schienen diese Ansagen zu wirken und am vorletzten Spieltag konnte der Klassenerhalt quasi sicher gemacht werden. Glückliches Ende einer selten miesen Saison! (…) Konflikte wie in anderen Städten sind bei uns undenkbar und werden nicht geduldet (…)“

* Erfordia Ultras # FC Rot-Weiß Erfurt –

“Plötzlich war jeder unbekannte Typ, der bei den Spielen im Block Platz suchte, seit Ewigkeiten ein glühender Anhänger und lebte den Ultragedanken Tag und Nacht (…) Das Dach sollte helfen, das Potential der Erfurter Fanschar unter Beweis zu stellen, doch der Kartenverkauf erfolgte über den Verein und so gesellte sich wieder Hinz und Kunz in den Stimmungskern und schmälerte das gewünschte Ziel merklich (…)“

* Horda Azzuro # FC Carl Zeiss Jena –

“Das Thema der Stadionverbote ist in Jena ungebrochen omnipräsent, auch weil wir als Gruppe nicht nachlassen, der Thematik immer und immer wieder eine zentrale Rolle in unserem Miteinander zukommen zu lassen. Allerdings entsteht durch die gesonderte und unheimlich solidarische Behandlung der Diffidati auch die Gefahr, dass der Zustand ’Stadionverbot’ für junge Ultras eine gewisse Anziehungskraft besitzt (…) Zu viel situationsbedingte und emotionale Kräfte spielten eine Rolle, als dass es Sinn macht, alles zu verteufeln oder im Gegenzug uneingeschränkt zu rechtfertigen. Fußball! (…) Die Thematik ’Massenkompatibilität vs. Kreativität’ beschäftigte uns in dieser Spielzeit ohnehin wieder häufig, wobei sich dies auch in den vergangenen Jahren lediglich in der Intensität anders darstellte. Fest steht, dass die Wahl nicht so einfach ist, da es nicht nur Schwarz und Weiß gibt und beide Vorgehensweisen auch keinesfalls immer den entsprechend erwarteten Erfolg mit sich bringen (…)“

* Red Kaos # FSV Zwickau –

“Es fällt uns auch jetzt noch schwer, das Geschehene in Worte zu verpacken, denn der Frust und die grenzenlose Enttäuschung sind immer noch nicht abgeklungen (…) Wenngleich wir selber nur darauf warteten, wann uns der Spagat zwischen Ultra und Verein das Genick brechen würde (…) Für Außenstehende wahrscheinlich schwer verständlich, haben wir eben über Jahre eine ganz besondere und vielleicht eigene Beziehung zum Spielgeschehen entwickelt, sodass oberflächig betrachtet der Eindruck entstehen könnte, wir singen stets völlig losgelöst von allen Ereignissen (…)“

* Saalefront Ultras # Hallescher FC –

“Die Saison 2010/11 stand von Anfang an unter keinem guten Stern und gehört rückblickend zum absoluten Tiefpunkt der Gruppe Saalefront und der Ultraszene Chemie Halle (…) Insgesamt gesehen war die Saison ein fast durchgängiger Tiefpunkt mit einigen kleinen Ausreißern nach oben. Das Verhältnis zwischen Vorstand und Ultras wird immer eisiger (…)“

* Ultras Chemnitz # Chemnitzer FC –

“Die Saison war geprägt von Euphorie, die man allerdings nicht wirklich nutzen konnte. Teilweise musste man zu viel Kleinkrieg untereinander ertragen, anstatt sich die Euphorie zu Nutze zu machen und einen geilen Auftritt auf’s Parkett zu legen (…) Alles wurde ausdiskutiert, statt einfach zu machen. Eine gewisse Portion Spontanität fehlt einfach zur Zeit und sorgt dafür, dass diverse Ideen eben doch nicht umgesetzt werden (…) Der Verlust einer weiteren Generation von potentiellen Ultras wäre für unsere Gruppe und die Szene fatal, das ist uns klar (…)“

* Ultras Dynamo # SG Dynamo Dresden –

“Intern durchlief die Gruppe eine Berg- und Talfahrt zwischen beinahem Zerfall der Gruppe und denkwürdiger Zehnjahresfeier (…) Klar geworden ist uns mittlerweile, dass es in Dresden nahezu unmöglich ist, eine 9.000-Personen-Tribüne zum dauerhaften Singen zu animieren. Das zu realisieren, war teils schmerzhaft und sorgte nachvollziehbar für Unmut (…) Um das medial geförderte Bild vom betrunkenen, partygeilen Idioten, für den jede Sicherheitsmaßnahme recht ist, zu bekämpfen und für eine bunte & freie Entfaltung der Fankurven zu protestieren, nahm die Dynamo-Szene ebenfalls an der Fandemo 2010 in Berlin teil. Wie bereits im BFU kommentiert, betrachten wir diese Demo als bedeutsamen und sehr konstruktiven Meilenstein in der deutschen Ultra-Bewegung (…)“

Der Vollständigkeit halber sei natürlich noch angemerkt, welche Gruppierungen der bundesdeutschen Ultra-Szene im BFU-Saisonheft 2010/11 darüber hinaus ebenfalls vertreten sind –

Boys Offenbach, Ultras Hannover, Brigade Nord 99, Commando Cannstatt, Frenetic Youth, Generation Luzifer, Kohorte Duisburg, Nordkaos Victoria Hamburg, Ultras Nürnberg, Ultraszene Mainz, Ultras Black Side, Ultras Darmstadt, Insane Ultra Trier, Karlsbande Ultras Aachen, Turnschuhcrew Siegen, Legio Augusta, Schickeria München, Ultras Essen, Horidos 1000 Fürth, Supporters Worms, Ultras Bochum, Ultras Regensburg, Weekend Brothers Wolfsburg, Commando Donnerschwee, Boys Saarbrücken, Ultra Kollektiv Lübeck, Wilde Jungs Freiburg, Amisia Ultra Meppen, Ultras Wuppertal, Wilde Horde Köln, Coloniacs, Ultras Krefeld, The Unity, Szene E Reutlingen, Ultras Mannheim, Violet Crew Osnabrück, Ultras Gelsenkirchen, Chosen Few Hamburg, Lokal Crew Bielefeld

Das 276-seitige Saisonheft 2010/11 von Blickfang Ultra ist mit fünf Euro ausgepreist und beim Händler des jeweiligen Vertrauens aktuell durchaus noch erhältlich.

[Dieser Artikel wurde am 18. August 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

***

Demonstration für den Erhalt der Fankultur: Was war? Was wird sein?

Beginnend ab den frühen Mittagsstunden nahmen am 9. Oktober 2010 in Berlin tausende Fußballfans jeder Provenienz an einer schon längere Zeit angekündigten Demonstration zum “Erhalt der Fankultur“ teil. Die Organisatoren der Veranstaltung gingen zwischenzeitlich bilanzierend von “mindestens 4.000 Teilnehmern und Anhängern von knapp 50 Vereinen“ aus (eurosport.yahoo.com, 9. Oktober, 16:32). Der Berliner Kurier berichtete später von über 5.000 Fußball-Anhängern, die “friedlich für den Erhalt der Fankultur“ demonstriert hätten.

Anliegen der Demonstration war es – neben den bereits weit vorab kontinuierlich von aktiven Fußballfans immer wieder erhobenen und mehr als deutlich artikulierten Forderungen der Fan-Szene hinsichtlich beispielsweise willkürlich verhängter Stadionverbote, steigender Eintrittspreise, fehlend zugelassener Meinungsfreiheit, zunehmender Kommerzialisierung, kaum noch nachvollziehbarer Splittung der Spieltagsanstoßzeiten sowie Willkür bei Polizeieinsätzen und nicht zuletzt fehlender Kennzeichnungspflicht für die Poilizeibeamte – “dass alle Gruppen ’den Schalter umlegen’ und ihre Rivalitäten während der Demonstration ruhen lassen“, so Steffen Toll, ProFans, zitiert von morgenpost.de (9. Oktober, 13:05).

Zu den Organisatoren der Demonstration gehörten Fan- und Ultraszenen quasi aus der ganzen Bundesrepublik, federführend die Vereinigungen ProFans, Bündnis Aktiver Fußballfans und Unsere Kurve. In Berlin vertreten waren augenscheinlich Fans von Bundesligisten bis hin zu Anhängern von Regionalligisten. Allerdings hatten auch einige Fan- beziehungsweise Ultra-Kreise – nur aus Westdeutschland (?) – ihre Teilnahme an der Demonstration mehr oder weniger öffentlichkeitsheischend via Online-Erklärung offiziell abgesagt.

Natürlich kann letztendlich eine relativ kurzfristige Reflektion einer wie auch immer gemeinsam agierenden Fan-Aktion höchstens ein allererster Versuch eines Resümees zur besagten Gesamtproblematik sein.

Ist nun der schon weit im Vorfeld auf vielerlei Art und Weise verschlammt wordene Trampelpfad zwischen besagten Parteien vielleicht plötzlich – wenigstens kommunikativ – begehbarer geworden, gar beidseitig offener als bisher?

Nach übermittelten Informationen soll es übrigens, trotz des postulierten kleinsten gemeinsamen Nenners der Demonstration “Getrennt in den Farben – Vereint in der Sache“, im Umfeld der Veranstaltung in Berlin doch zu einigen Rangeleien zwischen nicht gerade freundschaftlich verbundenen Fangruppierungen gekommen sein.

[Dieser Artikel wurde am 9. Oktober 2010 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens erzählt

Ganz taufrisch ist das Werk “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens: 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR“ von Mark Scheppert nicht mehr. Das Buch erschien nach Angaben von amazon.de beim Verlag Books on Demand im Dezember 2009 immerhin schon in der zweiten Auflage.

Stöbert man ein wenig im weltweit virtuellen Netz, finden sich zu Schepperts Gesamtwerk vielerlei Rezensionen beziehungsweise Kommentare, wie beispielsweise –

(…) Mark Scheppert erzählt in rasantem Schreibstil vom ganz normalen Leben in der ehemaligen DDR. Unterhaltsam und kurzweilig zeichnet er sein Bild vom Heranwachsen in einem verschwundenen Land – nicht im sozialistischen Staat. Es geht ihm ums Menschliche, Persönliche, das er vollkommen ideologiefrei erzählt. Nicht larmoyant, nicht ostalgisch, und mit viel Humor (…) [@ amazon.de, 15. Juli 2009]

Spiegel.de hat kürzlich in seiner Rubrik einestages eine Leseprobe (Ausfahrt ins Feindesland) aus “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens“ publiziert. Allein die darin von Scheppert beschriebenen Erlebnisse rund um das Uefa-Cup-Halbfinale am 19. April 1989 zwischen Dynamo Dresden und dem VfB Stuttgart sind es schon wert, der Nachwelt erhalten zu bleiben.

(…) Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen Bundesrepublik und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasi-Verein BFC aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fantastischsten Fans der ganzen Republik (…)

Besonders die in der DDR wohl einzigartige Gestaltung eines Rahmenprogramms wie im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion ist dem 1989 gerade 17-jährigen Mark Scheppert scheinbar nachhaltig im Gedächtnis geblieben.

(…) Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war. Doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! (…)

Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein Eschi ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weißflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren.

Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000, jetzt schon heiseren Kehlen, erklang das berühmte: “Sing, mein Sachse, sing“. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer (…)

Die so zurückblickenden Darstellungen von Scheppert leben zudem von einer nicht gerade unlebendigen Sprache.

(…) Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches, sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem “Hexenkessel“ gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. “Obseids!“ (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf, und ich brüllte zusammen mit Tausenden anderen Menschen “Nuklear, Obseids!“ ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1:1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war (…)

“Der Autor hat alles vorzüglich beobachtet. Selbst die Stimmung, die zum damals legendären Spiel herrschte, ist vortrefflich wiedergegeben“ [Diskussionsbeitrag @ einestages.spiegel.de, 29. Juli 2010, 13:13]

Außer, dass es nach wie vor die kolportierten Todesfall-Gerüchte beim damaligen Kartenvorverkauf gibt. Und viele echte Fans aus Gründen der Schwarzmarkt-Preise für eine Eintrittskarte zu dieser Begegnung das Spiel dann im eher privaten Kreis vor dem TV-Gerät sahen.

Ansonsten dürfte den – sprachlich durchaus emotionalen – Schilderungen von Mark Scheppert selbsterinnerlich kaum etwas hinzu zu fügen sein. Und das ist ja auch schon mal was.

[Dieser Artikel wurde am 29. Juli 2010 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Rammstein und der Sex

Das aktuelle Band-Album “Liebe ist für alle da“ wurde indiziert – warum eigentlich?

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen stellte den Antrag. Das Verfahren danach schien reibungslos gelaufen zu sein. Seit einigen Stunden ist ein Beschluss in der Welt, der rechtskräftig ist – nach Akzeptanz aber noch zu suchen scheint. Und vielleicht nie finden wird.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat das Rammstein-Album “Liebe ist für alle da“ auf den Index gesetzt. Damit wird nunmehr der Verkauf an Minderjährige untersagt. Zudem darf das Album nicht mehr für Jugendliche frei zugänglich ausgestellt oder beworben werden. “Die Band bestätigte die Indizierung“, so die Welt.

Auf Facebook wurde bereits am Abend des 5. November die Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien von Rammstein kommentiert: “Rammstein-Urteilsspruch: Das neue Rammstein-Album ist auf Antrag des durch die Ministerin von der Leyen geführten Bundesministeriums indiziert worden und wird zukünftig lediglich unter der Ladentheke zu haben sein. Volljährige sollten ihren Ausweis nicht vergessen und dann beim Händler ihres Vertrauens nachfragen.“

Als Gründe für die Indizierung werden, soweit bislang bekannt, “der Track ’Ich Tu Dir Weh’ sowie ein Artwork-Foto, das Gitarrist Richard Kruspe mit einer auf seinen Knien liegenden Frau darstellt“ angeführt, da dies […] “jugendgefährdete Darstellungen von S/M-Praktiken“ [seien]. Außerdem hätten die Medienwächter befunden, dass der Titel “Pussy“ zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr in Zeiten von Aids animiere.

Dass die unzensierte Version des Rammstein-Tracks “Pussy“ als – unterstellter und hernach auch von seriösen Medien zitierter – Promotion-Gag bereits schon seit Mitte September im Internet einsehbar war und noch immer ist, abgesehen von den zensierten Versionen des Tracks beispielsweise auf YouTube, schien Frau von der Leyen und die Medienwächter nicht irritiert und bislang auch nicht interessiert zu haben.

Interessierte Menschen werden mehr als eine Woche nach Erscheinen des neuen Rammstein-Albums dieses vermutlich schon besitzen. Und in seiner Original-Version ist es irgendwo auch immer aus dem Web herunterladbar. Und was bedeutet die nunmehr erfolgte Indizierung eigentlich formaljuristisch für die am 8. November in Lissabon beginnende und auch durch die Bundesrepublik Deutschland führende Rammstein-Tour 2009/10?

Nach der Indizierung von Rammstein “Liebe ist für alle da“ brodeln die Reaktionen im Internet facettenübergreifend hoch. So hat sogar das Fan-Forum von ultras.ws seinen boardeigenen Was-hörst-Du-gerade-Thread “aufgrund einer aktuellen Meldung temporär unterbrochen“ – mit allerdings einer ganz eigenen Kommentierung.

Abgesehen davon – hat Frau von der Leyen wirklich nichts Besseres, Dringenderes zu tun?

[Dieser Artikel wurde am 7. November 2009 bei Telepolis veröffentlicht.]

rammstein_leipzig_2009
(Foto: O.M.)
1 20 21 22 23