MedienScreen # 194 [Recht haben mit Fischer. Hetzjagd als solche]

[Fundstück] Thomas Fischer, “Offenkundig außer Kontrolle“, SPIEGEL ONLINE, 14. September 2018 –

(…) Bei einer von zu schwachen Polizeikräften nur unzureichend kontrollierbaren Demonstration rechtsradikaler und nationalsozialistischer Gruppierungen, mit Sympathie begleitet von angeblich “normalen“ Chemnitzer Bürgern, kam es zu zahlreichen Äußerungs-Straftaten (Hitlergruß, NS-Parolen, Bedrohungen) und gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen ausländisch aussehende Personen angegriffen, verfolgt und geschlagen wurden; außerdem wurde ein jüdisches Restaurant angegriffen.

Seither tobt ein beispiellos alberner Interview- und Verlautbarungskrieg darüber, ob die Beurteilung (…), es sei zu abstoßenden “Hetzjagden“ durch einen rechtsradikalen “Mob“ gekommen, zutreffend, germanistisch richtig, inhaltlich angemessen, politisch zumutbar und genügend sensibel war und ist. An dieser gesamtdeutschen Deutschlehrerkonferenz nehmen unter anderem teil: eine Bundeskanzlerin, mehrere Bundesminister, mindestens ein Ministerpräsident, ein Verfassungsschutzpräsident, Oberbürgermeister, Intendanten, Chefredakteure, Mitglieder einer rassistischen Partei, Mahner und Warner, Kommentatoren. Bei dieser Gelegenheit werden auch gleich noch einige andere Begriffe des deutschen Wortschatzes neu vermessen (…)

Das ist aus verschiedenen Gründen erstaunlich. Zum einen ist der Wortstreit ein sensationeller kommunikativer Erfolg der rechtsradikal-nationalsozialistischen Minderheit und daher eine deprimierende kommunikative Insolvenz des von ihr bekämpften “Systems“. Intellektuell und sozial randständige Persönlichkeiten (…) zwingen die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaats Sachsen zu einer öffentlichen Diskussion darüber, ob man das “kurzfristige Verfolgen“ von Ausländern durch Nationalsozialisten als “Hetzjagd“ bezeichnen dürfe (…)

Gemeinhin ist der normal besorgte Bürger weniger empfindsam, wenn es um Sprache geht (…)

MedienScreen # 193 [Sommerhit 2018? Bella Ciao …]

[Fundstück] Michael Schilling, Rubrik “krieg & frieden“, konkret, 9/2018 –

(…) 2018. Ein Blogwart ruft im Internet den “offiziellen Sommerhit“ aus: “Bella Ciao“. Der Firma GfK Entertainment, die im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie so was ermittelt, gefällt besonders, dass der Titel “eine eingängige Melodie“ hat und “Urlaubsstimmung verbreitet“.

Bis zum Frühjahr 2018 galt “Bella Ciao“, ursprünglich das Klagelied italienischer Reispflückerinnen, als Hymne der Resistenza. Ihr Text ist einer Frau gewidmet, die einen Partisanen bittet, sie vor den todbringenden Schwarzhemden in die Berge zu bringen, ins Gebiet der Freiheitskämpfer: “O partigiano , portami via, ché mi sento di morir“: Das Video des Sommerhits illustriert die Szene mit “aufgeknöpften Hemden, hochhackigen Schuhen und kurzen Kleidern“. Ein Sommerhit, sagt die Firma, “muss kommerziell sein, muss am Ballermann, auf Abi-Reise und im Club auch nach fünf Bier noch gleichermaßen funktionieren. Bella Ciao im elektronischen Remix erfüllt all diese Kriterien.“ (…)

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[Bella Ciao, Hannes Wader @ YouTube.com]

MedienScreen # 192 [News Landscape. Yesterday. Today. Tomorrow?]

[Fundstück] Dennis Lehane, interviewt in Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 24. August 2018 –

(…) Das Internet hat nicht nur die Art geändert, wie die Leute ihre Nachrichten erhalten. Es hat auch die Vorstellung vom Zusammenhang der Dinge ausradiert. Früher wussten wir, dass die Fakten, die wir etwa von der New York Times bekamen, viel wertvoller und realistischer waren als die “Fakten“, die uns der Typ nebenan auf dem Barhocker in der Kneipe anvertraute. Und warum? Weil die Reporter der Times Bildung und Erfahrung hatten. Also gab es einen Zusammenhang und eine Voraussetzung für die Fakten. Aus irgendeinem Grund schätzen wir das heute aber nicht mehr. Und der Typ auf dem Barhocker ist jetzt das Internet. (…)

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