MedienScreen # 22 [Im Fokus – Faust des Ostens]

Aus aktuellem Anlass nachfolgend auszugsweise reflektierend einen kleinen, in einzelnen Darstellungen und Kommentierungen durchaus divergierenden, Dokumentationsstreifzug durch den mehr als weniger offiziellen Medien-Wald rund um die Razzia gegen die Gruppierung “Faust des Ostens“ (FdO) in Dresden und der sächsisch-geografischen Umgebung – nicht ohne sich allerdings vorab eines Fremdkommentars zu bedienen; aufmerksame Leserinnen und Leser werden die zusammenhängenden Gründe sehr wohl zu erkennen wissen. [OM]

… die Tatsache, dass der Pressesprecher von Dynamo den MDR nach Anfrage darauf hinweisen muss, dass FdO von den eigenen Fans aus dem K-Block gejagt [wurde], ist ein Zeugnis , dass beim MDR kein tiefgründiger Journalismus betrieben wird … (…)

-> ce @ mdr.de | 6. Juni 2012 | 10:37 |

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(An der A17 bei Dresden im Frühjahr 2012 – Foto: O.M.)

(…) Bei Ermittlungen gegen die Fangruppierung “Faust des Ostens“ bei Dynamo Dresden haben die Dresdner Polizei und die Staatsanwaltschaft am Dienstagmorgen [5. Juni] in Sachsen insgesamt 17 Wohnungen und Firmenräume durchsucht. Dabei waren rund 130 Beamte im Einsatz, teilte die Polizei mit. Sichergestellt wurden vor allem zahlreiche Computer und Datenträger sowie Pyrotechnik, Spirituosen, Anabolika und ein Teleskopschlagstock (…)

(…) Betroffen waren 13 Männer im Alter zwischen 16 und 29 Jahren und eine 25 Jahre alte Frau. Sie gelten allesamt als Mitglieder beziehungsweise Unterstützer.

“Einzelne Personen, die dieser Gruppe zugeschrieben werden, haben Stadionverbot“, teilte Dynamo-Pressesprecher Enrico Bach auf Anfrage von DNN-Online mit. Ob Dynamo konkrete Namen weiterer Anhänger übermittelt bekommt, ist offen. Die Gruppe spiele im Stadion laut Bach keine Rolle mehr. Die Fansszene habe sich selbst reguliert und klar positioniert (…)

-> lvz-online.de | 5. Juni 2012 | 19:30 |

(…) Bei der “Faust des Ostens“ handelt sich um ein Netzwerk aus der Fanszene der SG Dynamo Dresden, dessen Mitglieder zum Teil rechtsextremistisch orientiert sind. Ihm rechnen die Ermittler bis zu 200 Personen zu, dem Führungskreis sollen etwa 20 Personen angehören (…)

-> sz-online.de | 5. Juni 2012 |

(…) Dynamo-Pressesprecher Enrico Bach bestätigte auf MDR-Anfrage, dass die “Faust des Ostens“ in der Dresdner Fanszene eine Rolle gespielt hat, verwies aber darauf, dass diese Gruppierung durch die aktive Fanszene selbst aus der Fankurve verbannt wurde (…)

-> mdr.de | 5. Juni 2012 | 22:26 |

(…) Die Beamten der Landes- und Bundespolizei durchsuchten ab 4.30 Uhr bis mittags allein zwölf Wohnungen in Dresden sowie weitere in Dippoldiswalde, Döbeln, Freiberg, Triebischtal und Höckendorf (…) “Wir ermitteln bereits seit Mitte letzten Jahres“, so Oberstaatsanwalt Lorenz Haase (…) Die Ermittler werteten daraufhin Strafverfahren mit Beteiligung von Dresdner Fans bundesweit aus. Ergebnis: Die “Faust des Ostens“ steht unter Verdacht, nur dem Zweck zu dienen, Straftaten zu verüben. Dazu zählen mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Beschädigungen der Stadion-Fassaden im Juli und Oktober 2011 (…)

-> Dresdner Morgenpost | 6. Juni 2012 |

(…) Festgenommen wurde niemand. Kistenweise wurden Computer, Handys, Speichermedien, Kleidung, Schals und dergleichen beschlagnahmt. Die Polizei stellte Sturmhauben, Handschuhe und Waffen sicher – drei Schlagringe, einen Teleskopschlagstock, mehr als 100 illegale LaBomba-Böller. Außerdem fanden die Beamten eine Vielzahl Spirituosen. Mit Ladendiebstählen von Schnaps und anderem, so der Verdacht, habe sich die Gruppe zum Teil finanziert (…)

(…) Nach der Razzia beginnt nun die eigentliche Ermittlungsarbeit – die Auswertung des beschlagnahmten Materials mit dem Ziel, der Gruppe nachzuweisen, dass sie eine kriminelle Vereinigung gebildet hat (…) Unklar ist, gegen wie viele Mitglieder insgesamt nun ermittelt wird.

Erstmals fiel die “Faust des Ostens“ Anfang 2010 bei Heimspielen von Dynamo Dresden mit ihrem Transparent auf – wenige Wochen nach der ersten Dresdner Großrazzia gegen mutmaßliche Fußball-Gewalttäter namens “Hooligans Elbflorenz“ im Dezember 2009 – ein Zufall? Laut Polizei gibt es Verdächtige, die beiden Gruppen zugerechnet werden. Fünf mutmaßliche Anführer der “Hooligans Elbflorenz“ stehen bereits seit August 2011 vor dem Landgericht Dresden – wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ein Ende des Prozesses ist noch nicht abzusehen (…)

-> Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe) | 6. Juni 2012 |

(…) Die Dynamo-Fans hatten bereits im Vorfeld gehandelt, allerdings im Geheimen. Nur Kennern der Dresdner Szene war aufgefallen, dass beim letzten Heimspiel die Fahne der Ultragruppierung “Faust des Ostens“ im Fanblock nicht mehr zu sehen war (…)

Die Ultras Dynamo, die Gruppierung, die die Dresdner Fankurve dominiert versteht sich selbst als unpolitisch. Damit das so bleibt, wurde offensichtlich die “Faust des Ostens“ vom rechten Rand ganz aus der Kurve gedrängt. Selbst die Internet-Seite von Faust des Ostens existiert nicht mehr. Was genau geschehen ist, darüber will der Capo der Ultras Dynamo eigentlich nicht reden: “Das ist Betriebsintern geklärt worden die ganze Geschichte. Mehr Auskunft kann ich dazu nicht geben. Das ist halt so, es muss auch Sachen geben, die unter Verschluss bleiben.“

(…) Die Dresdner Fanszene, die deutschlandweit ja über einen denkbar schlechten Ruf verfügt, hat also selbstständig das getan, was alle Fußballsozialpädagogen sich immer wünschen: Sie hat Initiative ergriffen und die Kurve selbst bereinigt (…)

-> dradio.de | 6. März 2012 |

[Dieser Beitrag wurde am 6. Juni 2012 bei Ostfussball.com publiziert.]

MedienScreen # 21 [Dynamo Dresden, Borussia Dortmund, So oder so – DFB?]

[Fundstück] “Wird Dortmund wie Dynamo bestraft?“, Dresdner Morgenpost, 16. Mai 2012 –

(…) Gleiches Recht für alle: Droht dem frischgebackenen Pokalsieger Borussia Dortmund jetzt auch der Ausschluss aus dem Wettbewerb oder ein Geisterspiel so wie Dynamo?

Es geschah beim DFB-Pokal-Finale kurz nach 21 Uhr im Berliner Olympia-Stadion: Als die Spieler von Bayern München und Dortmund zur zweiten Halbzeit auf den Rasen kamen, brannten im BVB-Block über 30 Bengalos. Eine dicke Rauchwolke zog durchs Stadion. Nach dem Spiel gab’s Ausschreitungen von Dortmund-Fans (…)

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(Dresdner Lichter, Dortmund, 25. Oktober 2011 – Foto: dehli-news.de)

Die Geschehnisse (…) erinnerten leider exakt an die 2. DFB-Pokal-Runde in Dortmund (…) Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc sagte damals: “Ich hoffe, dass das angemessen geahndet wird.“ (…)

(…) Allerdings war der deutschlandweite Aufschrei damals größer (…) Für Tage bestimmte Dynamo die Negativschlagzeilen. Und jetzt: Die Dortmunder Chaoten sind gerade mal eine Randnotiz in der heilen Welt des Doublesiegers wert. Von den Bengalos im Bayern-Block ist gar keine Rede (…)

[Dieser Beitrag wurde am 16. Mai 2012 bei Ostfussball.com publiziert.]

MedienScreen # 20 [Argusaugen des DFB?]

[Fundstück] ’Meine Meinung’ von Nordfried Hönig, “Sind auch vorm DFB alle gleich?“, Dresdner Morgenpost, 7. Mai 2012 –

(…) Die Bundesliga-Saison ist seit gestern Geschichte und um die schönste Nebensache der Welt, den Fußball, wird es für kurze Zeit ruhiger.

Was haben wir erlebt? Spiele mit großer Leidenschaft und voller Spannung (…)

Und die echten, leider auch die falschen Fans haben wieder Fußball-Geschichte geschrieben. Dynamo Dresden wurde wegen schwerer Ausschreitungen beim Pokalspiel in Dortmund zur Kasse gebeten. Der DFB griff ungewohnt hart durch (…)

Dafür gab es beim Abstiegskracher des 1. FC Köln wieder Bilder, die irgendwie an das unrühmliche Dynamospiel erinnerten: Tribünen voller Rauch, Polizei auf dem Rasen und Spieler, die aus Angst um ihre Gesundheit vor sogenannten in die Kabine flüchteten.

Ich bin gespannt, wie der DFB reagieren wird. Ob ein reicher Klub mit Nationalspielern und Fußballverbands-Lobby genauso hart bestraft werden wird wie Dynamo? Muss wohl! Es geht hier um Glaubwürdigkeit des Verbandes, um gewaltfreien Sport und die schönste Nebensache der Welt (…)

[Dieser Beitrag wurde am 7. Mai 2012 bei Ostfussball.com publiziert.]

MedienScreen # 19 [Red Bull, Gefahr für den Fußball]

[Fundstück] “Die Dose der Pandora“, 11freunde.de, 27. April 2012 –

(…) Eigentlich dürfte es diesen Klub gar nicht geben. Jedenfalls dann nicht, wenn sich die Fußballverbände an ihre Regeln halten würden. Als RB Leipzig am 8. August 2009 zum ersten Spiel seiner Vereinsgeschichte gegen die zweite Mannschaft von Carl Zeiss Jena antrat, war das noch so. Damals hatte der Sächsische Fußball-Verband (SFV) alle Entwürfe für das Vereinsemblem abgelehnt, weil es dem Markenzeichen des Konzerns zu ähnlich war. Denn genau das verbietet die Satzung des Verbandes, in § 12 heißt es: “Änderungen, Ergänzungen oder Neugebung von Vereinsnamen und Vereinszeichen zum Zwecke der Werbung sind unzulässig.“ Das gilt nicht nur in Sachsen, sondern im gesamten deutschen Fußball. § 15 der Satzung des Deutschen Fußball-Bundes benutzt die exakt gleiche Formulierung, und auch für die Deutsche Fußball Liga ist sie verbindlich.

Ausnahmen von der Regel gibt es nur dort, wo Klubs als Betriebssportgemeinschaften gegründet wurden und daher Unternehmensnamen bzw. dessen Logo im Vereinsemblem tragen, wie etwa bei Bayer Leverkusen oder Carl Zeiss Jena. In den Siebzigern hatte es in der zweiten Liga noch zwei Fälle gegeben, bei denen Sponsoren Klubs umbenannten. Der SV Waldhof hieß damals nach einem Chipshersteller SV Chio Waldhof Mannheim, und ein Geldgeber brachte beim SC Westfalia Herne zwischenzeitlich den Namen seiner Tankstellenkette unter: Westfalia Goldin Herne. Ende der siebziger Jahre untersagte der DFB solche Umbenennungen.

Der Trick, das Verbot zu umgehen, wurde aber nicht in Leipzig erfunden, sondern in der westfälischen Provinz. Als der TuS Ahlen und Blau-Weiß Ahlen 1996 fusionierten, hieß der neue Verein verblüffend umständlich Leichtathletik und Rasensport Ahlen. Die Abkürzung LR stand wie zufällig auch für das Unternehmen des Sponsors Helmut Spikkers: LR International. Das Verbot, mit dem Vereinsnamen zu werben, unterläuft RB Leipzig jedoch viel konsequenter, als es LR Ahlen getan hat. Offiziell steht das Kürzel zwar für RasenBallsport, doch der Klub benutzt den Namen fast nirgends. Auf den Plakaten in der Stadt, der Stadionzeitung oder Homepage ist konsequent von den “Roten Bullen“ die Rede, als sei das ein Traditionsname wie “Die Roten Teufel“ oder “Die Knappen“. Einer besonderen Transferleistung von Roten Bullen zu Red Bull bedarf es da nicht mehr.

Doch wie konnte es passieren, dass der Sächsische Fußball-Verband so gegen Wort und Geist seiner Satzung verstoßen hat? Für Stephan Oberholz, als Vizepräsident für Rechtsfragen zuständig, stellt sich die Frage nicht. Das aktuelle Motiv habe “für alle Beteiligten ausgereicht“, sagt er. Eine hübsche Formulierung ist das, die nach Hinterzimmerabsprache klingt: Mach noch ein paar Striche dran, dann winken wir das durch. Im Mai 2010 wurde das heutige Emblem durch einen Präsidiumsbeschluss des SFV akzeptiert (…)

[Dieser Beitrag wurde am 2. Mai 2012 bei Ostfussball.com publiziert.]

MedienScreen # 18 [Kanonenrohre vs. Ultras]

[Fundstück] “Vortrag – ’Sind das alles Vollidioten?’ – Fanforscher Gabler in Osnabrück über das Image der Ultras“, noz.de, 24. April 2012 –

(…) “Manchmal müssen sich die Ultras vorkommen wie ein Kaninchen, das gleichzeitig in zehn Kanonenrohre schaut.“ Diesen drastischen Vergleich zog Fanforscher Jonas Gabler (…)

Gabler kam durch persönliche Erfahrungen in deutschen und italienischen Stadien auf die Idee, sein Studium der Politikwissenschaft mit einer Diplomarbeit über rechtsradikale Tendenzen in der Fanszene im Ländervergleich abzuschließen. Die Stigmatisierung der Ultras in der öffentlichen Wahrnehmung schilderte der 30-jähriger Berliner nicht, um sich Freunde (…) zu verschaffen. Sondern er begründete diese Brandmarkung – durchaus überzeugend – mit zusammenlaufenden historischen Entwicklungslinien in der Fan- und Jugendsubkultur, gepaart mit Druck vonseiten der Polizei und den Medien.

Gerade die letzten beiden Akteure würden oft ein Bild erzeugen, dass die Gewalt in den Stadien so ausgeprägt sei wie nie – was in der Tat vielen statistischen Erhebungen zu diesem Thema widerspricht. Gabler wies darauf hin, dass in den 70er und 80er Jahren gewaltbereite Hooligans den Fußball als Bühne missbraucht hatten: zu einer Zeit, als der Stadionbesuch Männerdomäne war. “Wenn sich Fans daneben benommen haben, hat man das abgehakt und gesagt: Das sind halt Vollidioten“, erklärte Gabler plastisch die Vorurteile, die über Fans seinerzeit entstanden: “laut, betrunken, aggressiv, im Zweifel rechts.“

“Mit der Kommerzialisierung des Fußballs durch Verbände, Vereine und Freizeitindustrie und dem Einzug der Familien ins Stadion wurden diese bis dato unbeachteten Verhaltensweisen tabuisiert“, erklärte Gabler. Weil sich Ende der 90er Jahre, die Hooligan-Szene auflöste und in den Blöcken gleichzeitig als neuer, dominant auftretender Akteur die Ultras auf den Plan traten, seien diese von Außenstehenden einfach mit den alten Vorurteilen über Fans überzogen worden.

Dies steht im krassen Widerspruch zur Selbstwahrnehmung dieser Fangruppierung als Stimmungsträger in den Kurven, als gegenüber der Dominanz des Geldes im Fußball kritisch eingestellte Fraktion, die auch in den Vereinen um Mitsprache und für ihre Belange kämpft. Gabler bezeichnete die Ultra-Bewegung als derzeit attraktivste Jugendsubkultur. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Aussage von Fanforscher Gunter A. Pilz, dass einige Ultras sich in Richtung “Hooltras“ entwickeln würden: Einer Jugendsubkultur sei es schon immer inhärent gewesen, ab und an mal über die Strenge zu schlagen. Dies sei nicht neu, nicht speziell auf die Ultras zu reduzieren.

“Eine Unterscheidung zwischen guten Ultras mit den schönen Choreografien und bösen Schläger-Ultras ist unzulässig“, erklärte Gabler, da die Grenzen fließend seien. Stattdessen müsse die Gesellschaft lernen, die Potenziale der Ultras zu erkennen (…) Und vor allem: In der Tatsache, dass sich innerhalb der Bewegung klare Regeln des Zusammenlebens herausgebildet hätten, liege die Chance auf “einen Prozess der Zivilisierung der Szene – aber nur, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt und anerkennt, dass sie immer eine Subkultur bleiben wird.“

[Dieser Beitrag wurde am 25. April 2012 bei Ostfussball.com publiziert.]

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