Archiv der Kategorie: MedienScreen

MedienScreen # 5 [Fangemeinschaft Dynamo, Offenbach]

[Fundstück] Pressemitteilung: Fangemeinschaft Dynamo entsetzt über Einsatz in Offenbach, fangemeinschaft-dynamo.de, 16. Mai 2011 –

(…) Im letzten Spiel der gerade abgelaufenen Saison traf die SG Dynamo Dresden auf die Kickers aus Offenbach. Bereits lange vorher war klar, dass die bauliche Situation rund um den Bieberer Berg ungünstig sein wird. Um so unverständlicher ist für uns das, was am Sonnabend passierte.

Die Situation am Einlass ins Stadion wurde durch völlig konzeptlose Einheiten der Polizei und der Ordnungskräfte regelrecht provoziert. Nicht nur willkürliche Festnahmen, sondern auch das Verhalten der Einsatzkräfte waren alles andere als deeskalierend. Unsinnige Aufrufe an mehr als 800 Menschen, geschlossen zurückzutreten, wechselten sich mit der Androhung von Gewalt ab. Die Stimmung heizte sich durch derartiges Verhalten weiter auf und drohte endgültig zu kippen. Innerhalb des Stadionbereiches wurden die Fans aufgerufen, per Telefon oder SMS beruhigend auf die Wartenden einzuwirken. Dagegen wurden die mit offiziellen Arbeitskarten des OFC ausgestatteten Fanvertreter der Fangemeinschaft Dynamo beim Versuch, direkt am Tor deeskalierend auf die eigenen Fans einzugehen, mit Platzverweisen belegt. Die damit einhergehenden Beschimpfungen führender Polizeibeamter empfinden wir als Provokation und deutliches Signal an uns Fanvertreter, dass eine Beruhigung der Lage gar nicht gewollt war. Aussagen in diese Richtung gab es jedenfalls mehrfach.

Leider durften wir auch zum wiederholten Male erleben, dass seitens der Polizei der Einsatz von Pfefferspray einer immer weiter sinkenden Hemmschwelle unterliegt. Ohne tatsächlichen Grund wurde willkürlich und rücksichtslos in Menschenmengen gesprüht, Verletzungen von unschuldigen und wehrlosen Fans dabei mindestens billigend in Kauf genommen. Wir empfinden es als unerträglich, dass Menschen, die zu einer offiziellen Veranstaltung gehen wollen, bereits vorbeugend erklärt wird, sie müssen mit der Gewalt staatlicher Einsatzkräfte rechnen. Das Verhalten der Polizei und der Einsatzkräfte in Offenbach war eines Rechtsstaates unwürdig und ist in keiner Weise mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes zu vereinbaren.

Die Fangemeinschaft Dynamo ist stolz auf das Verhalten der Dynamofans. Nur der Besonnenheit der großen Masse ist es zu verdanken, dass die Situation in Offenbach trotz ständiger Provokationen und unsinniger Restriktionen nicht eskaliert ist. Dem gegenüber steht das Entsetzen über die Art und Weise einer Machtdemonstration hauptsächlich uniformierter Beamter im Staatsdienst, die ihre Aufgabe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, gründlich missverstanden haben. Gewalt ist aus Sicht der Fangemeinschaft Dynamo niemals ein Mittel, um vorhandene Probleme zu bekämpfen. Weder auf Seiten der Fans, noch auf Seiten der Polizei und Ordnungskräfte.

Die Fangemeinschaft Dynamo bedauert jeden einzelnen Verletzten. Keinem Fan, keinem Ordner und keinem Polizeibeamten sollten solchen Risiken durch mangelhafte Konzeption aufgebürdet werden. Die für die Sicherheit Verantwortlichen haben am Sonnabendnachmittag jedoch genau dies durch ihr völliges Versagen getan (…)

[Fundstück] Offener Brief der Fangemeinschaft Dynamo an die Verantwortlichen der Offenbacher Kickers 1901, fangemeinschaft-dynamo.de, 16. Mai 2011 –

(…) Sehr geehrter Präsident, Herr Dieter Müller,
sehr geehrter Geschäftsführer, Herr Thomas Kalt,
sehr geehrter Sicherheitsbeauftragter, Herr Gernot Hess,
sehr geehrte Fanbeauftragte, Herr Matthias Schmidt und Herr Raffael Baccaro,

nach dem Spiel der Offenbacher Kickers 1901 gegen die SG Dynamo Dresden ziehen wir, die Fangemeinschaft Dynamo, eine erschreckende Bilanz. Medienberichten zufolge zählten die Sanitäter und Ärzte vor Ort insgesamt 29 Verletzte. Dies ist umso bedauerlicher, als dass jeder einzelne Verletzte an diesem Tag vermeidbar gewesen wäre.

Dynamo Dresden hat selbst Erfahrungen mit dem Spielbetrieb auf einer Baustelle. Dennoch gab es in Dresden zu keinem Zeitpunkt der Bauphase Verletzte durch mangelnde Sicherheitskonzepte. Aus unserer Sicht wurden bereits in der Vorbereitung des Spieles gravierende Fehler begangen.

Im Ergebnis musste das Spiel eine viertel Stunde später angepfiffen werden, gleichwohl zu diesem Zeitpunkt noch mehrere hundert Dresdner vorm Stadion warteten. Eine vollkommen unübersichtliche Situation am Eingang, die leicht vermeidbar gewesen wäre, ist dabei nur der Anfang der Kette von Unverständlichkeiten. So ist es der Konzeptlosigkeit aller Sicherheitskräfte geschuldet, dass Offenbacher Fans aus ihrem eigenen Block mit Polizeigewalt vertrieben werden mussten. Im Dresdner Fanblock wurde Pfefferspray eingesetzt, weil einige Wenige auf dem Zaun saßen, ebenso am Treppenaufgang gegen Fans, welche dort auf die sich vor dem Stadion befindlichen Personen warteten. Verletzungen Unschuldiger wurden dabei billigend in Kauf genommen. Aufrufe über den Stadionsprecher waren inhaltlich an Dreistigkeit kaum zu überbieten. So wurden die Dresdner Fans aufgerufen, beruhigend auf die Masse eigener Fans vor dem Stadion einzuwirken. Diesem Aufruf folgend wurden dann Fanvertreter trotz Arbeitskarte mit Platzverweisen belegt. Niemand im Stadion war als Ansprechpartner oder Vermittler zur Stelle, mit dem man gemeinsam die Situation beruhigen hätte können. Ein sogenannter “Communicator“ der Polizei warb sogar mit “privaten Problemen“ um Verständnis.

Höhepunkt der Peinlichkeiten waren dann die minutenlang wiederholten Androhungen von Gewalt durch die Polizei über das Mikrofon des Stadionsprechers, begründet mit der Aussage, man wolle keine Gewalt. Dass Fans auf Zäunen sitzen, mag nicht gewollt sein. Sie haben durch das ausgesprochene Verbot auch nichts darauf zu suchen. Dieses einfache Sitzen aber als “Aggression“ zu bezeichnen, ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten!

Sehr geehrte Verantwortliche des OFC,

zusammengefasst haben Sie im Zusammenhang mit dem genannten Spiel Ihre mangelnde Fähigkeit demonstriert, ein Spiel unter den gegebenen Bedingungen sicher und kontrolliert durchzuführen. Für die Vertreibung der eigenen Fans aus dem eigenen Block aufgrund mangelnder Organisation der angezeigten Fantrennung, für die völlig undurchdachte Zuführung der Dresdner Fans zum Stadion und für die offene und wiederholte Androhung von Gewalt sollten Sie sich schämen! Das ist eines ambitionierten Drittligisten nicht würdig! (…)

[Dieser Beitrag wurde am 16. Mai 2011 bei Ostfussball.com publiziert.]

MedienScreen # 4 [Heterogener Blick auf Ultras]

[Fundstück] Michael Wollny, Blog: Ultra unschuldig!, eurosport.yahoo.com, 9. Mai 2011 –

(…) Sie fühlen sich missverstanden. Nicht ausreichend gewürdigt in ihrem moralischen Kampf gegen den schnöden Mammon, gegen Kommerz und Ausverkauf. Dabei sind sie doch ehrenhafte Ritter, Verteidiger des heiligen Fußball-Grals. Sie sind doch die Unverzichtbaren, die wahren, echten authentischen Fans … pardon: Ultras, no Fans!

Ohne ihren meditativen Dauergesang würde schließlich keinem Stürmer das Standbein beim Torschuss einschlafen.

Ohne ihre Grünflächenpflege beim Rasensprengen mit Böllern und Bengalos müsste man wohl bald schon wieder auf roter Asche kicken.

Ohne ihre Transparente “Diffidati con noi“ wüsste niemand, dass deutsche Ultras auch drei Worte Italienisch können.

Ohne ihre Transparente “Ausgesperrte immer bei uns“ wüsste niemand, dass der “moderne Fußball“ für “Diffidati con noi“ auch Untertitel anbietet.

Ohne ihre Beute aus fremden Fanshop-Schals wüsste niemand, dass man einem normalen Fan ab und an auch einfach mal ordentlich den Frontspoiler polieren muss.

Ohne ihre Abneigung auf das Fanshop-uniformierte Event-Publikum wüsste niemand, dass schwarze Jacken, Sonnenbrille, Gürteltasche und Gesichtsvermummung vollkommene Individualität widerspiegeln.

Ohne ihr “A.C.A.B.“ wüsste niemand, dass Polizisten keine echten Menschen sind, sondern bestenfalls der schweflige Auswurf des Satans höchstselbst. Obwohl sich letztlich doch beide Seiten nichts schenken und sogar gegenseitig bedingen.

Ohne ihr Credo wüsste niemand, dass nur Ultras die höchste Ebene des menschlichen Seins erreichen können, ohne sich selbst noch ans eigene Credo halten zu müssen.

Ohne ihre allwöchentlichen Stellungnahmen wüsste niemand, dass Ultras grundsätzlich immer nur Opfer und nie Täter sind.

Ohne ihre Aversion gegen anstrengende Gesellschaftsnormen wüsste niemand, dass Ultras lieber eigene Regeln aufstellen, an die sie sich dann selbst nicht immer halten.

Ohne ihr Mantra “Fußballfans sind keine Verbrecher“ wüsste niemand, dass Körperverletzung, Sachbeschädigung und Diebstahl eigentlich gar keine Verbrechen sind, sondern nur kriminelle Lügen der Medien.

Ohne ihr isolationistisches Weltbild wüssten wir nicht, dass Hans Kasper recht hatte, als er vor Jahrzehnten feststellte: “Gib einem Fanatiker zur Hälfte recht, und du tötest ihn.“

Ohne ihr eitles Selbstbild wüssten wir nicht, dass Ultras die Exklusivrechte an echter Leidenschaft für den Verein besitzen.

Ohne ihr ausgewogenes Rechtsverständnis wüsste niemand, dass chronisch erfolglose Fußball-Profis zwingend totgeschlagen gehören.

Ohne ihr aggressives Selbstmitleid wüsste niemand, dass weniger der “moderne Fußball“ ein Problem darstellt, als viel mehr der moderne Ultra.

Ohne ihre krude Überhöhung des Fußballs wüsste niemand, dass Gott am 7. Tag in seiner Mittagspause den Ultra erschaffen hat.

(…)

Ohne all diese Dinge und den Mangel an kritischer Selbstreflexion wüssten wir nicht, dass moderne Ultras ihren traditionellen Werten und dem Anspruch auf Glaubwürdigkeit und Anerkennung selbst am meisten schaden.

Und so schwebt Sir Winston Leonard Spencer-Churchill auf seinem Union-Jack-Wölkchen über einem deutschen Fußballstadion, senkt den Blick nach unten, zieht an einer Romeo y Julieta und denkt sich wieder mal: “Ein Fanatiker ist ein Mensch, der seine Ansicht nicht ändern kann, und das Thema nicht wechseln will.“

Doch eines darf zum Schluss festgehalten werden:

Ohne ihre Heterogenität wüsste niemand, dass es auch noch Ultras gibt, für die Fußball und Verstand tatsächlich noch glaubhaft im Vordergrund stehen (…)

[Dieser Beitrag wurde am 10. Mai 2011 bei Ostfussball.com publiziert.]

MedienScreen # 3 [Dynamo Dresden, Wer? Wie? Was?]

[Fundstück] “Keller setzt auf das Wort unter Männern“, Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 31. März 2011 –

“Wer bei Dynamo was entscheidet und unterschreibt, ist mir nicht mehr ganz klar. Entweder sind sie besonders clever oder unfähig.“ (Karl Herzog, Spieler-Berater)

[Dieser Beitrag wurde am 31. März 2011 bei Ostfussball.com publiziert.]

Dynamo Dresden: Wer hat’s erfunden?

Ohne den Werbespot für einen durchaus bekannten Kräuterbonbon auch nur im Geringsten lächerlich machen zu wollen, könnte man an dieser Stelle quasi vorab zur Abwechslung allerdings doch auch gleich einmal mit einer niveauvollen Preisfrage beginnen. Um welchen bundesdeutschen Fußball-Klub handelt es sich, wie aktuell im Folgenden beschrieben: Polizeisportverein, Regionalliga zugehörig, mit in der Vergangenheit geschwenkten Hakenkreuz-Fahnen in der Fankurve? Keine Lösung? Der Telefonjoker murmelt: “Ostdeutschland“. Immer noch keine richtige Peilung?

Und siehe da, die virtuelle Welt zeigt den Weg und die Auflösung, irgendwie jedenfalls. Es handelt sich, die geneigte Leserschar ahnte es ob der Überschrift wohl schon längst, um die SG Dynamo Dresden (SGD), jedenfalls irgendwie. Nun mag eventuell der kleinliche Einwand kommen, die SGD spiele doch gar nicht in der Regionalliga und das mit den Hakenkreuzfahnen …? “Liga-Namen sind doch nur Schall und Rauch, aber Ostdeutschland als Tipp hat gestimmt“, murmelt schläfrig der Telefonjoker. Und die Hakenkreuzfahnen in der Fankurve – bildpolemisch geschildert, als wäre es scheinbar gerade erst gestern gewesen? Der Telefonjoker nuschelt leicht gereizt: “Wer hat’s erfunden?“. Nichts einfacher als das, nun auch gegenseitig ein wenig behilflich sein zu können und zur Quelle der Erkenntnis, der Aargauer Zeitung, zu führen.

(…) Seit Jahren dümpelt der achtfache Deutsche Meister Dynamo Dresden ohne sportlichen Erfolg im tiefsten Deutschen Profispielbetrieb, der dritten Bundesliga, herum. Der eigens für den ehemaligen Polizeisportverein errichtete Fussballtempel sollte aber Ruhm und Ehre aus vergangenen Tagen in die Ostdeutsche Metropole zurücktragen (…)

Der Gasanbieter – einst auch Anbieter für Schornsteinfeger – kauft der “Stadion Projektgesellschaft“ die Namensrechte daraufhin ab und tauft das “Rudolf-Harbig-Stadion“ in “Glücksgas-Stadion“ um. Dieser Stadionname bringt den Verein erneut in die Nähe der rechtsextremen Szene (…)

Es ist nicht das erste Mal, dass Dynamo Dresden Nähe zur “braunen Suppe“ nachgesagt wird. So suchten Neonazis in der Vergangenheit in unregelmässigen Abständen die Fankurve des Vereins heim und skandierten dort Hitler-Parolen (…)

[So im Original: “Wie das neue Stadion in Dresden eine Nazi-Debatte entflammen konnte“, aargauerzeitung.ch, nach Eigenangabe dortselbst “Aktualisiert am 03.02.11, um 16:01“]

(…) Nun muss sich Dynamo Dresden neben dem Vorwurf der rechtsextremen Szene zu nahe zu stehen mit einem ganz anderen Problem herumschlagen. So feilscht der ehemalige Polizeisportverein seit Errichtung und Einweihung des modernen Stadions mit der Landeshauptstadt Dresden um die Höhe des zu bezahlenden Mietzinses (…)

[So im Original: “Wie Dynamo Dresden gegen zu hohe Mietkosten kämpft“, aargauerzeitung.ch, nach Eigenangabe dortselbst “Aktualisiert am 04.02.11, um 16:21“]

“Oh menno“, tröpfelt es Minuten später murmelnd aus dem Telefonhörer, “bei den Schweizern spielt Dynamo doch korrekt in der 3. Liga und mit Hakenkreuzfahnen ist da so auch nichts zu lesen. Und außerdem, ich habe zwar auf den Rängen bei Dynamo früher wirklich einiges erlebt, auch in und nach den 89’er Zeiten, aber Hakenkreuzfahnen? Der Schreiberling packt wohl alle seine Vorurteile auf einen Haufen und dann in zwei Artikel, fabriziert dabei stellenweise arg grenzwertige Zusammenhänge und fertig ist für ihn die tausendjährige Nazi-Fan-Laube in Dresden“. Erstaunt ob des untypisch längeren Monologs schweigt der Telefonjoker, vielleicht lauscht er auch nur ergriffen seinem etwas gewagten Wortspiel hinterher.

“Aargauer Zeitung?“, knurrt es kurz danach wieder aus dem Hörer, “Schweiz? Da läutet doch was. Böni, Andreas Böni und die ’Hölle von Dresden’, damals in Sport-BILD, der schreibt doch seit einiger Zeit in der Schweiz“. Stille am Telefon, dann: “Nein, habe jetzt extra noch mal nachgeschaut, Vasilije Mustur heißt das journalistische Genie, das alles zusammengewürfelt in den Braune-Brühe-Topf geworfen hat“.

Und wieder herrscht stille Stille am Telefon, lediglich Tastaturklappern und Musik ist im Hintergrund zu vernehmen. “Ach, jetzt geht mir eine Kerze an“, murmelt der Joker fast schon wieder schläfrig. “Die Aargauer Zeitung hat da was zusammengeschustert und als seriösen Journalismus verkauft, dann aus irgendwelchen Gründen die am auffälligsten und inhaltlich verquersten Sachen einfach verschlimmbessert, ohne es irgendwie kenntlich zu machen, geschickter Menschenschlag verträumt da hinter den Alpen, irgendwie jedenfalls“.

(…) Seit Jahren dümpelt der achtfache Deutsche Meister Dynamo Dresden ohne sportlichen Erfolg im tiefsten Deutschen Profispielbetrieb, der Regionalliga, herum. Der eigens für Dynamo Dresden errichtete Fussballtempel sollte aber Ruhm und Ehre aus vergangenen Tagen in die Ostdeutsche Metropole zurücktragen (…)

Der Gasanbieter kaufte der Stadion Projektgesellschaft die Namensrechte ab und taufte das “Rudolf-Harbig-Stadion“ in “Glücksgas-Stadion“ um. Dieser Stadionname bringt den Verein erneut in die Nähe der rechtsextremen Szene (…)

Es ist nicht das erste Mal, dass Dynamo Dresden Nähe zur “braunen Suppe“ nachgesagt wird. So suchten Neonazis in der Vergangenheit sporadisch die Fankurve des Vereins heim, skandierten dort Hitler-Parolen und schwenkten Hakenkreuz-Fahnen (…)

[So im Google-Cache, “Abbild der Seite, wie diese am 3. Febr. 2011 15:50:15 GMT angezeigt wurde.“]

(…) Nun muss sich Dynamo Dresden neben dem Vorwurf der rechtsextremen Szene zu nahe zu stehen mit einem ganz anderen Problem herumschlagen. So feilscht der Polizeisportverein seit Errichtung und Einweihung des modernen Stadions mit der Landeshauptstadt Dresden um die Höhe des zu bezahlenden Mietzinses (…)

[So im Google-Cache, “Abbild der Seite, wie diese am 4. Febr. 2011 15:49:20 GMT angezeigt wurde.“]

Fast abrupt legt der Telefonjoker auf, gerade noch bleibt ein genuscheltes “Peinlich das Ganze, oberpeinlich“ akustisch nachschwingend in der Leitung hängen und irgend so etwas wie: “Der neue Stadionname ist aber auch …“.

Der Autor reibt sein vom längeren Telefonat ein wenig taubes Ohr. Und dann seine Augen – die von der Aargauer Zeitung veröffentlichte Vereinsgeschichte der SGD endet online nach wie vor: “Nun spielt Dynamo wieder in der Regionalliga“.

Auf Nachfrage sagte SGD-Pressesprecher Enrico Bach, er habe “die Interviewanfrage der Aargauer Zeitung eigentlich als seriös empfunden“.

[Dieser Artikel wurde am 7. Februar 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Herr Böni überlebt die “Hölle von Dresden“

An dieser Stelle folgt ein journalistisch ganz besonderes Glanzstück. Im speziellen Fall in nicht zu verleugnend vordergründiger Absicht, eine von Andreas Böni anno dazumal verfasste Reportage und gleichfalls die darauf folgende Replik seitens Berthold Berg – inklusive einer eingeschobenen kleinen Anmerkung von mir – in einem Dokument so zusammengefasst der Nachwelt erhalten zu wollen …

[Der Beitrag wurde am 6. Januar 2011 bei Ostfussball.com publiziert.]

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Ich war in der Hölle von Dresden

Die Hooligans von Dynamo Dresden: Auch gegen Union Berlin (2:0) schmissen sie wieder Flaschen und Steine, beschimpften den Gegner mit Nazi-Sprüchen. SPORT BILD-Reporter Andreas Böni war hautnah dabei. Hier sein Report

VON ANDREAS BÖNI

Am Abend, als alles vorbei war, meldete das ZDF Entwarnung: “Nichts passiert!“, meinten die TV-Leute zum Spiel zwischen Dynamo Dresden und Union Berlin. Nichts passiert? War ich, der SPORT BILD-Reporter, im falschen Film?

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(Faksimile: Sport Bild, 8. November 2006)

Ich habe alles persönlich miterlebt, was am Samstag in Dresden passiert ist. Ich stand nicht irgendwo, sondern mittendrin in Block K2 des Rudolf-Harbig-Stadions. Dort, wo die fanatischen Dynamo-Fans standen und ihr eigenes Spiel gegen Union Berlin betrieben. Ist denn nichts passiert, wenn ich Angst um mein Leben haben muss? Wenn Steine fliegen?

Der Samstag hat harmlos begonnen. Um neun Uhr, fünf Stunden vor Spielbeginn, bringen sich am Stadion 50 Polizisten in Stellung. Ins gesamt 1300 Beamte sind im Einsatz. Plus 360 Ordner.

Das Spiel gegen Union findet vor knapp 19 000 Zuschauem statt – und gehört zur Gefahrenstufe eins. Als gegen halb eins die 2000 Fans aus Berlin da sind, werden sie von Polizisten aus drei Bundesländern begleitet, während über ihnen ein Hubschrauber kreist.

Und das soll alles normal sein?

Der Weg zum Stadion ist wie Viehtreiberei: Die Union-Fans müssen durch die Lennéstraße, wo auf beiden Seiten Hunderte von Dynamo-Fans warten. Auf polizeiliche Anweisungen über Lautsprecher (“Geht ins Stadion, sonst werden sich die Beamten mit euch beschäftigen!“) reagiert niemand. Ich stehe mit Dynamo-Anhängem auf dem Gehweg. Links von mir ein glatzköpfiger Jugendlicher mit Bomberjacke und Springerstiefeln.

Nervös tigert er auf und ab. Erwartet sehnsüchtig auf Gegner …

Wie vor einer Woche. Da lieferten sich Dynamo-Krawallmacher am Rande der Partie bei den Hertha-Amateuren eine wilde Schlacht mit Berliner Hooligans. Es gab 22 Festnahmen. Unter den 38 Verletzten waren 23 Polizisten. Anschließend gab es den Gewalt-Gipfel in Frankfurt.

Und heute? Die Meute benimmt sich, als hätte sie Stierblut getrunken. Hunderte Stinkefinger werden den Dresdnern entgegengestreckt. Immer wieder diese Rufe: “Scheiß-Dynamo!“ Und: “Deutschland den Deutschen, Sachsen raus!“

Die Dresdner antworten wie Nazis: “Berlin, Berlin, Juden Berlin!“

Es sind zu wenige Polizisten da, 50 Meter breite Lücken tun sich auf. Plötzlich fliegt aus den Reihen der Union-Fans eine Banane. Das ist eine Provokation: In Dresden gab es zur DDR-Zeit keine Bananen, in Ost-Berlin schon. Dann zünden Berliner eine Rakete, die einen Dynamo-Fan trifft. Der Konter folgt sofort: Flaschen und Steine fliegen in die Berliner Menge, die Bedrohung steigt.

Und ich plötzlich mittendrin.

Später wird die Polizei 14 Strafanzeigen melden: fünf wegen versuchter Körperverletzung, fünf wegen Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, drei wegen Beleidigung und eine wegen Widerstand – und wird stolz auf diese Zahlen sein.

Das soll wirklich normal sein?

Schweiß auf der Stirn. Angst pur. Aber es gibt kein Entkommen: Der junge Neonazi neben mir provoziert, ich blicke in hasserfüllte Fratzen von Union-Fans. Weil ich geografisch auf der Seite von Dynamo stehe, werde ich zum Kampf aufgefordert. Wie komme ich hier raus?

Wieder eine Detonation, wieder fliegen Flaschen. Ein Union-Fan hat eine Platzwunde. Zehn Minuten später ist die Meute weg. Weiter geht’s zum Block K2.

Eigentlich soll ein Fotograf mit. Aber die Angst ist größer als der Mut – eine Flasche hatte um Zentimeter seinen Kopf verfehlt. Er fotografiert vom Spielfeldrand aus.

Die Leute im Fanblock sind jung, die meisten zwischen 16 und 20. Viele tragen Bomberjacken und Trainingshose, einigen hängen schwarze Handschuhe aus den Hosentaschen – das geheime Zeichen heißt: Ich bin bereit für die Schlacht nach dem Spiel. “Wegen der Handschuhe“, beklagt sich einer auf der Toilette, “wurde ich schon am Bahnhof von den Bullen gefilzt.“ Er riecht stark nach Bier, als er das sagt.

Um als Reporter nicht aufzufallen, tippe ich mir Notizen ins Handy. Ich erschrecke einmal mehr. Die Dynamo-Fans um mich herum haben nur ein Ziel: Diffamierungen gegen Union. Nazitum, Rassismus und Homosexualität, alles dabei.

Erst: “Ihr seid Preußen, asoziale Preußen, ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahnhofsmission!“. Dann: “Auf dem Fußballplatz liegen Leichen mit aufgeschlitzten Bäuchen, in den Bäuchen Messer, wo draufsteht: Wir sind besser!“ Und: “Ihr habt bezahlt, ihr kriegt aufs Maul!“ Danach: “Hauptstadt der Schwulen, ihr seid die Hauptstadt der Schwulen!“. Der Tiefpunkt: “Berlin, Berlin, Juden Berlin!“

Dann passiert es: Einer rempelt mich mit Wucht von hinten. Absichtlich. Ich drehe mich um, merke, was los ist. Kurz darauf geht in der Union-Kurve eine Rauchbombe los. Hinter mir singen acht Leute: “Schreib’s auf, schreib’s auf!” Ich bin enttarnt. Und alleine. Offenbar habe ich zuviel ins Handy notiert. Oder einer hat mitgelesen. Ich schaue mir die Leute an: bullige Typen! Dann kommt ein Kamerateam zum Block. “Der Presse auf die Fresse!“, schreit der Mob. Hinter mir ruft einer: “Hier, hier ist einer von der Presse im Block!“ Wo sind die Polizisten oder Ordner, die eingreifen, falls ich geschlagen werde?

Ich höre auf mit den Notizen. Aber wenn ich jetzt gehe, ist das auffällig – die Typen könnten mir folgen. Kurz vor Schluss schleiche ich in einer Gruppe aus dem Block. Erst im Auto fühle ich mich zum ersten Mal seit drei Stunden sicher.

Nachdem das ZDF nichts gesehen haben will, denke ich: Wenn antisemitische Sprüche und Steinwürfe normal sind, dann: Gute Nacht. Ich denke an Sitzungen der Vorwoche. An DFL, DFB, die Klubs. Wissen die überhaupt, worum es geht? Ich wette darauf keinen Zwanziger.

[Sport BILD, 8. November 2006 – Titelseite: “Die Wahrheit über Dresden“, Seite 26 bis 28: Kommentiert bebilderter Text]

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(…) Teilweise erstaunlich unreflektiert bezogen sich danach auch eher linksliberale Medien auf die Darstellungen von Böni. Der Tenor des Reports – obwohl von der sonst so kritisch gesehenen BILD – stimmte: Hooligans, Randale, Nazis, Osten (…)

(…) Auf Nachfrage (…) bezeichnete der Pressesprecher von Dynamo Dresden, Peter Tauber, besagten Sport-BILD-Artikel nach wie vor als “in jeglicher Form übertrieben“. In einem stimmt der Autor, an jenem Tag ebenfalls im und um das Dresdner Stadion unterwegs, dem BILD-Reporter allerdings nach Lesen des von ihm geschriebenen und Böni selbst zitierend zu: “War ich im falschen Film?“ (…)

[O.M. in: Ultras, Hooligans, Hooltras?Telepolis, 15. März 2007]

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Böni – Das ist der Gipfel

Andreas Böni lebt. Er hat unheimliches Glück gehabt. Zahlreiche Bombeneinschläge haben ihn nur knapp verfehlt, einer blutrünstigen wilden Menge von tausenden Wahnsinnigen ist er um Haaresbreite entkommen. Sein gesamtes Leben zog an seinem inneren Auge in sekundenschnelle an ihm vorbei. Wahrlich – Andreas Böni hat dem Tod ins Auge gesehen. Nun könnte man meinen Andreas Böni war im Krieg. Doch weit gefehlt. Andreas Böni hat sich ein Heimspiel von Dynamo Dresden angesehen.

Es ist unbestritten, dass Dynamo Dresden ein Problem mit gewaltbereiten Anhängern hat. Es ist ebenso unbestritten, dass Teile der Fanszene von Dynamo Dresden mit rechtsradikalem Gedankengut hantieren. Dies verurteile ich – und da spreche ich für das gesamte Team von transferwelt.de – aufs Allerschärfste. Rassismus hat weder in noch außerhalb der Stadien etwas verloren, Gewalt ebensowenig. Doch leider gibt es überall unbelehrbare Idioten, die immer wieder negativ auffallen müssen und sich nicht benehmen können. Dynamo Dresden hat das Pech, dass der Anteil dieser Leute in der eigenen Fanszene leider höher ist als bei vielen anderen Vereinen. Deshalb haben viele auswärtige Fans, die ihre Mannschaften ins Rudolg-Harbig-Stadion begleiten, Bedenken. Diese Bedenken kann ich verstehen. Doch meistens passiert nichts. Und schon gar nicht den Leuten, die sich bewusst aus Streitigkeiten heraushalten. Wer Ärger sucht, der wird Ärger finden. Auch, und vielleicht in besonderem Maße in Dresden.

Der vergleichsweise wohl etwas höhere Anteil an rechtsgesinnten und gewaltbereiten Fans lässt Dynamo Dresden oft zu einem gefundenen Fressen für die Medien, gerade im Boulevard, werden. Nichts lässt sich dieser Tage, in denen ganz Fußball-Deutschland über Gewalt in den Stadien von der Kreisklasse bis zur Bundesliga diskutiert, besser verkaufen, als randalierende Dynamo-Fans. Das dachte sich wohl auch die gute Sport-Bild und sandte Redakteur Andreas Böni in die “Hölle von Dresden“, wie der junge Mann gleich in der Überschrift zu seinem Erlebnisbericht der Partie Dynamo gegen Union Berlin reißerisch titelt.

Die Hölle von Dresden

Nun gut, gehen wir das ganze mal chronologisch durch. Zunächst kündigt Böni groß an: “Ich habe alles miterlebt, was am Samstag in Dresden passiert ist.“ So weit so gut. Alles noch ihm Rahmen. Wir sind gespannt.

Doch dann haut Böni schon den ersten Lacher raus. Er “stand [nämlich] nicht irgendwo, sondern mittendrin in Block K2 des Rudolf-Harbig-Stadions.“ Ui ui ui, harter Tobak Herr Böni. Dass Sie sich das trauen, Wahnsinn. Jedem gemeinen Fußballfan und regelmäßigem Stadiongänger steht die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben.

Weiter im Text. Böni klagt an: “Ist denn nichts passiert, wenn ich Angst um mein Leben haben muss?“ Nein, Herr Böni, vermutlich ist wirklich nichts passiert.

Aber was Weltbewegendes geschehen sein soll, möchte der motivierte Jung-Redakteur uns natürlich nicht vorenthalten, jetzt geht es in die Detail-Beschreibung des vermutlich ersten Stadionbesuchs von Sportjournalist Böni.

Der Horror beginnt, Union kommt

“Als gegen halb eins die 2.000 Fans aus Berlin da sind werden sie von Polizisten aus drei Bundesländern begleitet, während über ihnen ein Hubschrauber kreist.“ Sicherlich ist es schade, dass für ein Fußballspiel solche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen. Was daran aber so besonders sein soll, erklärt der Herr Böni nicht. Das ist weitestgehend Alltag in den Ligen eins bis drei, wenn auch nicht oft in dieser Größenordnung. Ok, Herr Böni, ich gebe zu, so ein Hubschrauber ist schon was besonderes, was man nicht alle Tage beim Fußball zu sehen bekommt. Insofern haben Sie Recht.

Aber dann: Neben Böni steht ein “glatzköpfiger Jugendlicher mit Bomberjacke und Springerstiefeln. Nervös tigert er auf und ab. Er wartet sehnsüchtig auf den Gegner.“ Es ist sicherlich schade, dass es solche Menschen gibt. Doch es gibt sie leider, dass sollte auch dem Herrn Böni nicht allzu neu sein. War es auch nicht, denn es ist offensichtlich, dass der gerade die Nähe zu diesen “glatzköpfigen“ Leuten gesucht hat. Dies ist auf dem großen Foto neben seinem Bericht zu erkennen, auf dem Böni galant mit Rollkragenpulli inmitten von “motivierten“ Jugendlichen zu sehen ist – natürlich völlig unauffällig, aber dazu später mehr.

Hier wird es deutlich: Böni sucht die “Brennpunkte“ rund ums Stadion, da wo sich die Idioten tummeln. Da darf er sich auch nicht wundern, wenn er mal neben einem Nazi steht. Er ist selbst schuld, wenn er “mittendrin“ ist, denn genau da will er als Journalist schließlich hin. Doch auch dort wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Natürlich herrscht in der Regionalliga mehr “Aggression“ vor, als in den wohlbetuchten Kreisen der Bundesliga, in deren Pressetribünen ein Herr Böni sonst zu finden ist (sofern er den Fußball nicht über “Arena“ verfolgt). Aber üble Massenschlägereien entspringen auch dort oft dem Märchen-Buch oder der Phantasie gewisser Redakteure. Oftmals werden die Rangeleien nur verbal ausgetragen. Übermotivierte Jugendliche beschimpfen, bepöbeln und gucken sich böse an. Hin und wieder gibt es eine kleine Rangelei. Manchmal fliegen sogar vereinzelt Flaschen. Ja, das ist dramatisch und schlimm. Aber wer nur das Spiel sehen möchte, der kommt gar nicht in solche Situationen. Böni darf sich nicht beschweren, wenn er die Nähe zu einem “Flaschenwerfer“ sucht, und dann um sein Leben fürchtet. Man kann diese Brennpunkte leicht vermeiden. Selbst wenn man mal “hineingerät“, um sein Leben muss man auch dort sicher nicht fürchten.

Genug der Sachlichkeit, zurück zu Herrn Böni und weiter im Text. Nun greift er ganz tief in die Horror-Kiste: “Die Meute benimmt sich, als hätte sie Stierblut getrunken.“ Aha, so ist das. Nun ja. Dafür sind die Leute in Dresden und Berlin ja auch bekannt. Der halbe Liter Stierblut auf dem Weg zum Stadion gehört einfach dazu …

Aber nicht dass man denkt, Böni würde damit übertreiben. Keinesfalls! Um zu verdeutlichen, wie sich die stierblutgetränkten Werwölfe unter dem Vollmond aufführten folgte auch gleich eine explizite Beschreibung des unfassbaren Verhaltens: “Hunderte Stinkefinger werden den Dresdnern entgegengestreckt. Immer wieder diese Rufe: “****** Dynamo.“ Wirklich schlimm. Die Stinkefinger werden dem Herrn Böni wohl noch eine Weile ganz schlimme Albträume bescheren. Unfassbar dieser Anblick, mit nichts zu vergleichen. Aber noch gar nichts gegen diese schrecklichen Rufe, die sich wahrscheinlich ganz tief in seine Erinnerung eingebrannt haben. Hoffen wir, dass er lernt, mit diesem Trauma zu leben. So etwas gibt es wirklich nur in Dresden …

Wie im Krieg

Das Spiel hat noch nicht einmal begonnen, doch der rasende Reporter aus dem Hause Sport-Bild lässt die Superlative heute gleich reihenweise purzeln: “die Bedrohung steigt. Und ich plötzlich mittendrin. […] Schweiß auf der Stirn. Angst pur. Kein Entkommen.“ Konnte der durchschnittlich intelligente Leser bisher schön schmunzeln, bricht spätestens hier eine allgemeine Welle des Gelächters los. Andernorts könnte natürlich auch Verwirrung die Reaktion auf die Zeilen des Herrn Böni gewesen sein, denn was soll der normale Dresdener-Fußballanhänger bei solchen Zeilen denken? Wie auch immer, Schwachsinn ist es allemal. Die pure Polemik, vielleicht DER sachliche Tiefpunkt (beziehungsweise humoristische Höhepunkt) in einem unglaublich verzerrten und reißerischen Böni-Bericht (falls man da überhaupt etwas noch hervorheben kann).

Böni bläst auch im Folgenden ins gleiche Horn: “Wie komme ich hier raus? Wieder eine Detonation.“ (!). Detonation. Eine Vokabel, die man sonst nur aus Kriegsberichten kennt. Böni wendet sie für ein simples Fußballspiel an. Der Leser könnte meinen, Sachsen hätte Preußen den Krieg erklärt.

Im weiteren Verlauf dieser abstrakten Szenerie erklärt Böni noch, dass er seinen Fotografen am Eingang zum Block zurücklassen musste, weil “die Angst […] größer als der Mut“ war. Na, da wird der Herr Böni ja doch noch zum Helden, weil er sich todesmutig in den Block stürzt, während sein Fotograf es vorzieht, dem einfachen Volk aus dem Weg zu gehen.

Das Spiel

So, Böni ist also im Block. Nun wird es wieder interessant, das Spiel beginnt. Erst einmal im Stadion angekommen ist Böni verblüfft, erstaunt – aber vor allem geschockt. Scheinbar zum ersten Mal hört er diese grausigen Gesänge, die Mark und Bein erschüttern. “Ihr seid Preußen, asoziale Preußen, ihr schlaft unter der Brücke, oder in der Bahnhofsmission.“ Schlimmer noch: “Ihr habt bezahlt, ihr kriegt aufs Maul.“ Oder: “Ihr seid die Hauptstadt der Schwulen.“ Ein Schock für Böni, der bisher seine Wochenenden dem Anschein nach eher in der Kirche verbracht hat als im Stadion.

Es sollte aber noch schlimmer kommen für den armen Mann. Viel schlimmer. Plötzlich der Hammer, der den Reporter aus der Bahn wirft. “Einer rempelt mich mit Wucht von hinten. Absichtlich. […] Ich bin enttarnt. Und alleine.“ Böni hilflos – wie konnte es dazu kommen? Die Geschichte ereignete sich wie folgt. Böni sandte alle paar Minuten per Handy Kurzmitteilungen an die Sport-Bild-Zentrale, um direkt aus der “Hölle“ zu berichten. Dies fiel offenbar einem Fan auf, und schon war Böni enttarnt. Hier wären wir wieder beim eben bereits erwähnten Punkt “(Un-)Auffälligkeit“. Ein Punkt ist, dass Böni mit aalglatter Frisur und im noblen Rollkragenpulli geschniegelt zwischen einigen glatzköpfigen Jugendlichen in Dynamo-Outfit und Kaputzenpulli steht. Böni undercover, Agent 00 ermittelt. So weit so “unauffällig“. Aber dann sendet der Undercoveragent alle paar Minuten SMS mit vermuteten Inhalten wie: “Hier ist die Hölle los, neben mir stehen nur Asis“, “Ich bin von Nazis umgeben“, oder “Ich fürchte um mein Leben.“ So was kommt natürlich bei den Nebenstehenden prächtig an und erregt auch kaum Aufmerksamkeit. Gut gemacht, Herr Böni. Sie fragen sich nun zu recht “Wo sind die Polizisten oder Ordner, die eingreifen, falls ich geschlagen werde?“ Doch Böni hat Glück, es bleibt, wie gewohnt, bei Verbalattacken.

Böni hat es geschafft, er erreicht sein Auto unbeschadet. “Erst im Auto fühle ich mich zum ersten Mal seit drei Stunden sicher.“ Ich hingegen meine, dass man auf der Autobahn wesentlich mehr um sein Leben fürchten muss, als bei einem Heimspiel von Dynamo Dresden.

In diesem Sinne
Berthold Berg

Gegen Gewalt, gegen Rassismus,
aber auch gegen Sensations-Journalismus und Polemik.

[Leicht redigiert aus verschiedenen Online-Quellen zitiert. Die eigentliche Ur-Quelle (transferwelt.de, 10. November 2006) verbreitete ihre letzte öffentliche Verlautbarung augenscheinlich Anfang Februar 2007.]