Die Leiden des jungen Willmann

Frank Willmann (Stadionpartisanen – Fans und Hooligans in der DDR, ZONENFUSSBALL, 11Freunde-Kolumnist) litt im vorigen Monat ob der rasenballsportlichen “W-I-N-T-E-R-P-A-U-S-E“ offenbar Qualen über Qualen, verfiel resultierend augenscheinlich quasi “in pränatales Siechtum“ und knirschte als scheinbar selbstverordnete Therapie biestig ein wenig mit den Zähnen. Unvergessen sein 2011’er vorweihnachtliches “Begnadigt Dynamo!“ – “so weit so schlecht, wer die bemühte Ironie oder den noch bemühteren Sarkasmus herauszulesen vermag” – beim ’Magazin für Fußballkultur’ (Willmann knirscht mit den Zähnen – Wen juckt’s?).

In einigen Ligen rollt der Ball mittlerweile von Neuem über den Rasen: Ende der Winterpause. Ende des Willmann’schen Siechtums, des Leidens? “Ich bin wieder trunken vor Glück“, posaunt Herr Frank.

“(…) In unserer schnöden Fußball-Welt des schnellen Geldes, ist jegliches Gefühl als zartes Pflänzchen zu bewerten. Nicht umsonst ist es bei einigen Ultras Mode, anstatt der Mannschaft sich selbst zu feiern. Ein Vorbote des endgültigen Verfalls unseres Sports? (…)“

Ultras feiern sich nur selbst? “Unser“ Sport verfällt? Allein – dem Verfall scheint auch einig anderes preisgegeben zu sein …

Wer kolumnistische Vergangenheitsbewältigung mag, wird – unter gewissen Umständen sich dabei selbst erfreuend – gewisse Passagen des neuesten Ergusses des jungen W. wie ein Schwammkopf aufsaugen und reflektieren, wie auch immer – was wiederum mitnichten keinesfalls eine pseudosexuelle Anspielung gewesen sein soll.

Frank Willmann bleibt sich letztendlich schließlich nur irgendwie selbst treu, verarbeitet nunmehr scheinbar innerlich mehr als eine Erinnerung und lässt im Milchglas seines Gedenkens zugleich seit Jahren im Osten schlummernde Erinnerungen widerspiegeln, irgendwie jedenfalls. Wohl niemals seit Guido Knopp lag Vergangenes allein schon in einer Headline so zum Greifen nahe im Topf einer andeutungsvoll köchelnden Geschichtssuppe – “Wie der Stasiknast in Bautzen!“ (11freunde.de, 24. Januar).

“(…) Zu Zonenzeiten hießen die Fußballfans zwischen Suhl und Saßnitz Anhänger. Das klingt ein wenig nach Sekte. Und wurde wahrscheinlich von Erich Mielke eingeführt.

Die Spiele wurden 14 Uhr angepfiffen, im Winter mal früher. Solchen Quatsch wie Freitag, Sonntag oder Montagspiele gab es nicht. Wenn es schneite, bohrten wir auf den gefrorenen Rängen weiter in der Nase und träumten (…)“

Zugegeben geht es in besagter Kolumne eigentlich eher um das Punktspiel FC Carl Zeiss Jena gegen 1. FC Saarbrücken in der 3. Liga, vom jungen W. via Online-Liveticker an einem scheinbar einsamen Laptop verfolgt. Es geht auch um eine Katze und schlussendlich dann darum, sich selbst abzuklatschen, irgendwie jedenfalls. So schmatzt Spieltagssuppe erst richtig unter den eigenen Achseln – verwürzt mit Anspielungen auf Karl Valentin, Franz Josef Strauß, den Ying-Yang-Effekt und eine zwischen den Zeilen aufblitzende politische Dolchstoß-Legende. Frank Willmann beziehungsweise die 11freunde-Redaktion haben ja schließlich bestimmt nicht umsonst die prägnante Überschrift “Wie der Stasiknast in Bautzen!“ gewählt. Ach ja, wurde eigentlich die Katze schon erwähnt?

Waren der Laptop oder die Katze in Bautzen, im zitierten Stasiknast? Da es Laptops im damaligen Ossi-Land nicht gab, wie hat die Katze überlebt? Oder gab es dazumal doch schon Laptops? Wo sind all die Katzen hin? Waren es etwa doch zu kleine Hände (Bettina Wegner)? Fragen über Fragen …

“Die Leiden des jungen Werther“ (Johann Wolfgang von Goethe), “Die neuen Leiden des jungen W.“ (Ulrich Plenzdorf) und nunmehr “Die Leiden des jungen Willmann“? Das sich zuweilen reckende oder verkümmernde Geäst des Baumes der Literaturgeschichte wuchert in welche Richtung? Fragen dürfen wird man doch wohl noch mal, wenn auch im qualitativ sehr unterschiedlichen und herbeizitierten Dreiklang Goethe-Plenzdorf-Willmann. Wobei: “Kolumnen-Schreiber sind ja fast vogelfrei mit sich selbst bei ihren Verlautbarungen“.

Frank Willmann – “Warum ich Dir nicht schreibe? – Fragst Du das und bist doch auch der Gelehrten einer“, so einst Johann Wolfgang von Goethe in einem bezüglich literarischen Werk. Weitere Relativierungen sind hinfällig – und würden zudem Herrn Goethe und ebenso Herrn Plenzdorf letztendlich keineswegs auch nur annähernd gerecht werden. Vermutlich allerdings sind die Leiden des jungen Willmann noch nicht zu Ende.

[Dieser Artikel wurde am 25. Januar 2012 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Willmann knirscht mit den Zähnen – Wen juckt’s?

Frank Willmann zeichnet nicht nur für Bücher wie Stadionpartisanen – Fans und Hooligans in der DDR und ZONENFUSSBALL verantwortlich. Er kolumnet ebenso gelegentlich hier und da, beispielsweise auch beim “Magazin für Fußballkultur“ 11Freunde.

In der dem diesjährigen Weihnachtsfest nächstgelegenen 11Freunde-Dienstagskolumne bricht nun scheinbar lang angestautes unvermittelt aus Herrn Willmann fast übersprudelnd hervor – die Welt ist eine Glaskugel und zudem noch ungerecht. Froher die Glöckchen nie klangen. Kolumnen-Schreiber sind ja fast vogelfrei mit sich selbst bei ihren Verlautbarungen, Buch-Autoren wird zuweilen noch eine gewisse Seriosität unterstellt.

Frank Willmann fällt in besagter Kolumne unaufgefordert fast sogleich quasi scheinbar selbstverordnet “in pränatales Siechtum“, sieht irgendwo “blonde deutsche Maiden mit dicken Knarren hasten auf Brettern durch den Schwarzwald“, bemerkt wie nebenbei aus den Augenwinkeln ein imaginär laufendes TV-Gerät, “beherrscht von zufriedenen urbayerischen Weiberlein. Mit dicken Pullis an. Sie glotzen blöd und dauerfidel aus dem Heimkino und palavern Unverständliches“ – und zwischenbenennt das Ganze bis dahin “W-I-N-T-E-R-P-A-U-S-E – heißt das Unwort des distinguierten Fußballfreundes“. So weit so schlecht, wer die bemühte Ironie oder den noch bemühteren Sarkasmus herauszulesen vermag.

Aber eigentlich firmiert besagte Kolumne von Herrn Willmann unter der Headline “Begnadigt Dynamo!“. Ja, da bleibt – um mit des Kolumnisten Worten zu sprechen – schließlich “uns galanten Hengsten des Fußballsports … nur der Blick in die Glaskugel“.

“(…) Und was sagt uns Beutegermanen mit der Impertinenz des falschen Geburtsorts das Kügelchen? Eins ist sicher: es wird auch 2012 so weiter gehen. Die Bundesliga bleibt Ostfußballbefreite Zone. Die Fans zwischen Saßnitz und Suhl sind im einundzwanzigsten Jahr nach der Wende vom großen Fußball abgeschnitten (…)

(…) der Rest der ostdeutschen Gemeinde? Nichts als zweit- bis drittklassige Trübsal. Einige der ruhmreichen Vereine, die vierzig Jahre den Fußball im Osten prägten und groß machten, sind komplett aus der kunterbunten Fußballwelt verschwunden. Brotkörbe und Wasserkrüge statt Sekt und Kaviar.

Und wenn dann heute mal einer in Dresden, Rostock oder Leipzig austickt, kommen die Paten des Mammons sofort mit der chemischen Keule. Als hätten DFB und DFL nicht genug vom Ostfußball profitiert (…)

Ihr rüstigen Rentner des DFB samt politisch interessierter Freundeschar! Merkt Ihr nicht, dass Ihr den Ostpöbel mit Euer Politik der neunschwänzigen Katze direkt in die Arme des Gegners treibt? Wenn einer immer nur die letzte Laterne in die Hand gedrückt bekommt, ist nur noch Fasching im Gehirn (…)

Zeigt endlich Köpfchen und begnadigt Dynamo Dresden. Setzt Zeichen der Vernunft, haut Euch mit den hervorragend arbeitenden Fanprojekten und anderen Profis der Fanarbeit und Fanforschung an einen Tisch und lasst die Politiker zu Hause (…)

Jetzt geht’s um Schadensbegrenzung größeren Ausmaßes. Theo, am Wochenende ist Pogo unterm Weihnachtsbaum. Zieh eine milde Gabe für Dynamo aus dem Sack und dann ab hinter die Kulissen mit Dir!“

Ach – und dann doch noch plötzlich bissel mehr nachgeknirscht, Frank Willmann? Kolumne ist halt eben Kolumne, whatever.

Ach ja – aber wen interessiert so etwas schon in Frankfurt am Main, im Westen der Bundesrepublik, beim DFB, bei der DFL und überhaupt? Knirschen wir eben ruhig oder lauter mit den Zähnen vor uns hin, juckt’s wen?

[Dieser Artikel wurde am 21. Dezember 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Dynamo Dresden und Volkes Stimme

Es war ein sonniger Sonnabend, der zweite seiner Art im November. Der Kaffee tröpfelte gerade morgendlich durch die Maschine, als die Sächsische Zeitung auf dem Frühstückstisch unvermittelt leise zu sprechen anhub: “Siehe, ich bringe dir gedruckte Botschaften aus der weiten Welt und der Region – Lies mich!“ Oder war es etwa nur das Blubbern der Kaffeemaschine?

Doch einige Zeit später, der Kaffee und das Zigarettchen danach dampften vor sich hin, schien wiederum ein papierraschelndes Stimmchen im sonnendurchfluteten Raum zu erklingen: “Lies mich! Bitte! Ich bringe dir Botschaften! Botschaften zu den bösen Mädels und Buben aus dem Umfeld von Dynamo Dresden, Ultras oder Hooligans oder Fans, wie immer die auch heißen.“ Leichtes Stirnrunzeln am fast schon aufgeräumten Frühstückstisch – nur der Kaffee in der Tasse und das Zigarettchen im Aschenbecher dampfen noch vor sich hin. War der Freitagabend wirklich so heftig, so deftige Nachwehen von der klitzekleinen Feier, dass man nun schon eine gedruckte Zeitung sprechen hört?

Das papieren klingende Flüstern vom Tisch her wird nun ein wenig nachdrücklicher, eine Fiktion ist fast ausgeschlossen, die Sächsische Zeitung scheint wirklich zu sprechen: “Ich bringe dir Botschaften! Ich bringe dir Volkes Stimme!“ Immer noch leicht irritiert tastet eine Hand bereits nach der gedruckten Ausgabe der Zeitung. Halt! Stopp! Hier spielt doch wohl jemand einen kleinen Streich an so einem wunderschön sonnigen Novembersonnabend?

Nein, die Stimme geht einem nicht mehr aus dem Ohr: “Schau dir mein Leserforum an. Lies, was Volkes Stimme rund um Dynamo Dresden zu sagen hat. Sieh, wie wohlfein dabei differenziert wird. Schau, wie ich den Boden dafür bereitet habe.“

Nun allerdings ließ sich der Griff zur Zeitung durch nichts mehr unterdrücken –

“Wie bekommt Dynamo die Randale in den Griff?

Dynamos Auswärtsspiele sind begleitet von Prügel und Ausschreitungen. Der Verein sucht Lösungswege. Hier diskutieren SZ-Leser …

Nun ja, auf den ersten schweifenden Blick 23, nein genau 24 gedruckte Beiträge im Leserforum der quasi sprechenden Zeitung. Oh oh, 24 ist ja ganz schön knapp bei 23 und Nichts ist so wie es scheint, murmelte plötzlich eine weitere Stimme im Raum vor sich hin, verstummte allerdings abrupt, zudem noch überdeckt von fast schon zu hörenden huschenden Augen durch besagtes Leserforum und dem Geräusch der erneut vor sich hin tröpfelnden Kaffeemaschine.

Derweil blieben die huschenden Augen mitten auf der Seite des Leserforums erst einmal gewissermaßen hängen. “… Dynamo kann die Randale so lange nicht in Griff bekommen, solange selbst der Fanbeauftragte, und dies nicht zum ersten Mal, die Schuld nicht bei den Chaoten, sondern bei den Einsatzkräften der Polizei sucht und deren Einsatz als unverhältnissmäßig bezeichnet …“

Nicht übel für den Auftakt, sagten die Augen und schauten interessiert weiter. “… Solange Ultras und Dynamo-Hooligans zu Brandstiftung und Prügeleien mit der Polizei aufrufen, sind sie kriminelle Vereinigungen und von unserer bisher zu weichen Justiz durch echte Strafen zu erziehen …“

So, die durch eine nachträglich zweite, übrigens ohne weitere Nebengeräusche, vollgeblubberte Kaffeekanne mehr und mehr koffeingestärkten Augen wurden noch aufmerksamer und lasen weiter – “… Der Polizist, der zu seiner Verteidigung zuschlägt, muss sich dafür verantworten. Der Steinewerfer nicht …“ Noch ein Käffchen? – denn weiter geht’s mit beispielsweise “… Konsequenter vorgehen, den Verein auflösen …“ beziehungsweise “… von städtischer Seite nicht einen Cent mehr in dieses Unternehmen stecken …“ oder, wenn das schon nicht klappt, wenigstens “… Ausweisscanner an die Eingänge, inklusive persönliche Ausweisidentifikation wie im Flughafen …“

Mittlerweile war dann schon die dritte Kanne Kaffee durchgelaufen, so eine durch und durch spannend ausführliche und zudem noch bildende Lektüre am sonnabendlichen Vormittag geht ja ohne entsprechendes Doping schon mal gar nicht: “… Dynamo sollte endlich dauerhaft Video-Überwachung einsetzen, verdeckte Polizeikräfte auf die Ränge schicken …“ Zukunft, ich scheine dich zu hören – “… Die Vereinsführung verhätschelt die Ultras. Teilweise hatten die Ultras die Macht über die Sicherheit im Stadion. Es gibt … offensichtlich in der Vereinsführung Kräfte, die zumindest solche Ausschreitungen tolerieren …“ Zuviel Kaffee ist nicht gut.

Trinken andere Menschen auch nur Kaffee? – “… Wenn ich sehe, dass die Polizei nicht eingreift, frage ich mich, warum man die Polizei zur Arbeitsverweigerung nötigt und die Justiz untätig bleibt …“ Na, zumindest die Kaffeemaschine hatte sich derweil nicht arbeitsverweigernd mehrmals durchgeblubbert, aber dieser bezügliche Vergleich hinkt wohl ein wenig, wie ein jeder seiner herbeizitierten Art.

Dafür allerdings liest sich eine in besagtem Forum publizierte Lesermeinung dann fast schon wie resümierend: “… Nur durch intensive Bestrafung der Täter bekommt Deutschland das Problem in den Griff – allerdings erst, wenn Polizisten sich nicht für jeden Schlagstockeinsatz verantworten müssen …“

Man mag an imaginären Lagerfeuern trefflich darüber streiten, wie und von wem Leserbriefe zustande kommen und dann letztendlich mit welcher Absicht auch immer publiziert werden, whatever.

Es war vormals ein sonniger Sonnabend, der zweite seiner Art im November – und dann wurde irgendwie der Kaffee kalt.

“… Die halbe Welt weiß, dass immer die mit den Clownsmasken und den weiß-blau-roten Kopfbedeckungen die gesamte Pyrotechnik zünden! …“

Nota bene: “… Eventuell müssten einige Fans zum Psychiater/Psychologen zur Pflichttherapie …“

Ist noch ein frisch geköchelter Kaffee gefällig?

*Alle fett kursiv gesetzten Zitate – auszugsweise – so im Original: Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), Leserforum, 12. November 2011*

[Dieser Artikel wurde am 14. November 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Dynamo Dresden in Dortmund: Fans, Medien und der Mainstream

Während am Wochenende, wenige Tage nach den Begegnungen in der 2. Runde im diessaisonalen DFB-Pokal, in den Ligen wieder um Punkte gespielt wurde – “Ein Feiertag für Fußball-Dresden“ (Morgenpost am Sonntag) – nachwehten Betrachtungen besonders um die Pokal-Partie zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden nach wie vor durch die verschiedensten Informationskanäle.

Ersten Medienartikeln zum Dortmunder Pokal-Abend folgte im Nachgang dann viel und noch mehr allseitig zu lesendes in Print- und Online-Zeitungen, Blogs sowie Fan-Foren. Zwischenzeitlich wurden eine Stellungnahme der Fangemeinschaft Dynamo (27. Oktober) und ein ’Rückblick’ seitens Ultras Dynamo (28. Oktober) veröffentlicht.

Gleichfalls abseitig des Medien-Mainstreams gab es verschiedenste Verlautbarungen und Betrachtungen der Szenerie, aus denen exemplarisch einige, wie auch immer, herausragten.

Besonders der zuletzt angeführte Beitrag von publikative.org hat nachfolgend eine durchaus breite Kontroverse ausgelöst. “(…) Die Publikative versucht daher noch einmal, die unterschiedlichen Diskussionsstränge zu entwirren. Einerseits, weil wir das Gefühl haben, dass Teile der ursprünglichen Argumentation entweder nicht verstanden oder absichtlich ignoriert wurden, andererseits weil unsere Kritik an einer bestimmten Art von Journalismus täglich aufs Neue bestätigt wird (…)“ –

(…) Und wir sympathisieren keinesfalls mit den Tätern im Dresdner Anhang. Aber das ist schlicht und ergreifend nicht das Ende der Geschichte. Viele weitere Fragen schließen sich an: War das Sicherheitskonzept ausreichend für ca. 13.000 Gästefans? Hätte die Polizei den abgesprochenen (und auf ihren Wunsch hin umverlegten) “Marsch“ der Dresdener besser absichern müssen? Ging das in Dortmund verfolgte Konzept, keine Fantrennung durchführen zu wollen, möglicherweise nicht auf? Wie kann es sein, dass einerseits Bürgerkriegsszenarien heraufbeschworen werden, andererseits aber die polizeilich und (sport-)politisch Verantwortlichen sich (zumindest im ZDF) nicht einer kritischen Nachfrage stellen müssen? Weil man zwar Demonstrationen von 100.000 Castor-Gegnern einigermaßen polizeilich und medial begleiten kann, aber keine 13.000 Dresdner Fans? (…)

(…) Wer ausschließlich Vereinspräsidenten, Sportfunktionäre, Polizeisprecher und Sicherheitspolitiker zu Wort kommen lässt, hat die andere Seite schlichtweg nicht gehört. Wer darüber hinaus die ohnehin schon dominanten Stimmen der genannten Autoritäten in einem medialen Diskurs auch noch verstärkt, leiht seine Stimme daher auch nicht denjenigen, die keine haben, sondern denjenigen, die ohnehin schon in gesellschaftlichen Machtpositionen mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet sind (…)

(…) Auch, dass es bei den Zweitliga-Ostderbys zwischen Dresden, Rostock und Cottbus zu Beginn der Saison mehr oder weniger ruhig blieb, wird weitgehend ausgeblendet. Stattdessen werden schamlos alle verfügbaren Klischees bedient, um damit die Forderung nach Zero Tolerance und harten Strafen zu verbinden – und zwar bitte ohne großes soziologisches oder sonst wie analytisches Gequatsche. Knüppel aus dem Sack und gut. Wie sehr diese Rhetorik der Logik des unverbesserlichsten Teils der Fanszenen in die Hände spielt, lässt sich kaum überschätzen. Die radikalsten Teile der Ultras werden in ihrem “Wir gegen alle – keine Kompromisse“-Weltbild so massiv bestätigt, wie es eben gerade geht. In der pauschalen Zuschreibung von “Gewalt“ an bestimmte Gruppen oder Fanszenen besteht die größte Gefahr einer Eskalation eben dieser (…)

(…) Mit anderen Worten: Wer “große Teile“ der Dresdner Fanszene zu vorerst nicht mehr resozialisierbaren Gewalttätern erklärt, treibt die gemäßigten Teils der Fans in die Arme der gewaltbereiten. Warum sollten sich erstere weiterhin in Dialoge und Initiativen einbringen, wenn sie hinterher doch nur medial verteufelt und polizeilich behandelt werden? (…) [Etwas Besseres als diesen Journalismus – publikative.org, 30. Oktober 2011]

“(…) was passierte wirklich in Dortmund (…)“, lässt unterdessen die sonntägliche Dresdner Morgenpost durch Dirk Löpelt nunmehr ansatzweise nachfragen. Also mittlerweile wirklich plötzlich Fragen über Fragen, scheinbar? Nun, die Antworten des DFB, der DFL werden – mehr oder weniger plakativ? – folgen …

[Dieser Artikel wurde am 30. Oktober 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

MedienScreen # 14 [Hooligans Elbflorenz, Zeitläufe, Gerichtsrauch]

(…) Schon seit August stehen fünf Männer im Alter von 19 bis 35 Jahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung am Landgericht Dresden – die mutmaßliche Führungsriege der “Hooligans Elbflorenz“. Doch inhaltlich ist die Staatsschutzkammer in der Beweisaufnahme noch nicht weit vorangekommen. Gestern [4. Oktober] flimmerten wieder Videobilder einer Schlägerei bei Obersuhl in Hessen, bei der ein Hooligan der “Brigade Nassau 96“ aus Frankfurt/Main schwerst verletzt wurde. Heraus kam bislang nur, dass Sachverständige zu allen Videos demnächst angehört werden sollen.

Noch immer streiten sich die bis zu zehn Verteidiger mit dem Staatsanwalt, ergreifen jeden Anlass, das Gericht mit Befangenheits-, Aussetzungs- oder Unterbrechungsanträgen zu beschäftigen. Ihre Argumentation ist: Einvernehmliche Schlägereien sind nicht strafbar.

Der Vorsitzende Richter Peter Lames sieht das anders und reagiert in der ihm eigenen Weise (…) erst vergangene Woche gab er den Hinweis, dass die “Hooligans Elbflorenz“ nicht erst vor den Dönerüberfällen in der Neustadt – nach dem EM-Halbfinale Deutschland gegen Türkei im Juni 2008 – sondern im Jahr zuvor in Erscheinung traten. Ein szenekundiger Polizist berichtete von einem “Testmatch“ der Dresdner Hooligans im Juli 2007.

“Die Tendenz ist erkennbar, dass der Tatzeitraum so erweitert werden soll“, vermutete ein Verteidiger. So könnte auch die größte Dresdner Randale der letzen Jahre ins Visier der Richter rücken: Am 28. Oktober 2007 hatten Hunderte Gewalttäter nach einem Dynamo-Spiel gegen Lok Leipzig [*] in der St.-Petersburger-Straße gewütet und Polizisten angegriffen. Zu klären ist nun wohl, welche Rolle die Angeklagten bei diesen schweren Landfriedensbrüchen gespielt haben (…)

[Quelle – “Viel Rauch um nichts bislang im Hooligan-Prozess“, sz-online.de, 5. Oktober 2011]

[*] SG Dynamo Dresden (A) vs. 1. FC Lok Leipzig – Die “Freiheit” der 5. Liga (30. Oktober 2007)

[Dieser Beitrag wurde am 5. Oktober 2011 bei Ostfussball.com publiziert.]

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