MedienScreen # 15 [Bild und Co. sind eine Gefahr für den ganzen Journalismus]

[Fundstück] “IRRE! Bild und co. sind eine Gefahr für den ganzen Journalismus“, Benjamin Giebenrath für Blickfang Ultra (BFU) im Januar 2012 [BFU # 23] –

Wir, die Redaktion des Blickfang Ultrà, haben die Schnauze gestrichen voll und versuchen uns hiermit an einer Abrechnung mit den sogenannten Kollegen unter der schreibenden Zunft. Wir nehmen uns die Frechheit heraus, Journalisten und Autoren in den Massenmedien als Kollegen zu bezeichnen, was unter den Lohnschreibern wohl für einen Aufschrei sorgen und mit einem spöttischen Lächeln quittiert werden dürfte, doch ist uns das egal. Wir sind Ultras, wir schreiben über Ultras, wir scheren uns nicht um Titel, Regeln oder Konventionen und bilden uns hiermit unsere eigene Wahrheit und erlauben uns diese zu verbreiten. Wir nutzen hierbei die beliebten Stilmittel des Populismus, der Verallgemeinerung und scheren genüsslich und mit hohem Eifer alle über einen Kamm!

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Wir können es nicht mehr mit ansehen, wie Ultrasgruppen nach vermeintlich schlimmen Vorfällen ihre Zeit damit verschwenden, gut und vorsichtig formulierte Stellungnahmen zu verfassen, welche die Wahrheit der Zeitungen und Polizisten in Frage stellen und der eigentlichen Wahrheit recht nahe kommen. Die Schriften erscheinen in Magazinen, Infozines, Fanzines, auf den Blogs und Homepages der Gruppen. Sie haben fast keinerlei Wirkung, werden kaum beachtet und die Zahl der Richtigstellungen in den Massenmedien, die durch einen solchen Text erfolgten, tendiert gegen Null. Was in den Massenmedien geschrieben steht, ist Gesetz und die eigene Wahrheit, da helfen keine Richtigstellungen und Widerlegung der Presseberichte. Zwar mag es sogenannte Journalisten geben, die sich die Texte durchlesen, doch werden sie den Teufel tun, ihren selbst verfassten Artikel, oder den eines sogenannten Kollegen, zu widerlegen. Uns ist egal, was der einzelne sogenannte Journalist denkt, wir sehen nur, was geschrieben wird, wie gegen unsere Bewegung gehetzt und wir alle in einen Topf geschmissen werden. Nutzt eure Zeit anders, hängt mit euren Freunden herum, versucht eure Gruppe weiterzubringen, geht malen, geht kleben, schreibt an euren Magazinen oder feiert in Clubs. Egal was, alles ist sinnvoller, als das verbreiten der eigentlichen Wahrheit, die lediglich von einem Personenkreis angenommen wird, der diese sowieso schon kennt.

Journalisten stigmatisieren und verbreiten entgegen besserem Wissen Lug und Trug! Ihnen ist das egal, sie sehen nicht die Qualität ihrer Texte, sie sehen nicht den Wahrheitsgehalt, sie sehen nicht die Wirkung – sie sehen lediglich die Reaktion ihres Chefredakteurs. Ein gelungener und guter Artikel ist nicht gut oder gelungen, wenn er hohen literarischen Ansprüchen genügt, ist nicht gut, wenn er besonders gut geschrieben wurde, sondern hat einzig und allein seine Daseinsberechtigung, indem er gedruckt wird. Lohnschreiber leben vom Schreiben, es ist ihr Beruf, keinesfalls aber ihre Berufung. In unserem System braucht man Geld zum Leben, was selbst für sogenannte Journalisten gilt, denn diese verdienen durch die Veröffentlichung ihrer Texte! Veröffentlicht wird aber lediglich, was sich verkauft – die Schlagzeile und die Wirkung auf den Leser muss stimmen. Was verkauft sich denn heutzutage besser als Gewalt? Nicht viel und insbesondere die Fußballgewalt scheint eine große Wirkung zu haben, denn sie findet, vermeintlich, im Rahmen von Massenveranstaltungen statt. In den Redaktionen dieser Republik ertönt lauter Jubel, wenn über den Ticker wieder Ausschreitungen aus einem Stadion eintrudeln. Was schreibt sich für diese Zunft denn leichter als ein Artikel über Ultras und Hooligans?

Journalisten betreiben Rufmord und geben ein großes Nichts aus Einzelschicksalen und den Menschen. Ein Artikel über Ausschreitungen bei Dynamo schreibt sich fast von alleine, denn der Journalist kann in diesem Fall nichts falsch machen. Die öffentliche Meinung über Dynamo hat sich im Lauf der Jahre manifestiert. Jeder Artikel, in dem Dynamo-Fans nicht als besoffene Nazischläger dargestellt werden, verwundert den Leser und lässt ihn in allem vom Glauben abfallen. Verliert ein Fußballfan durch eine Aneinanderreihung von schrecklichen Ereignissen einen Arm, so wird nicht der Mensch an sich gesehen, sondern die sogenannten Journalisten versuchen den Menschen in eine Schublade zu pressen, um dem Artikel eine reißerische Note zu verpassen, die dafür sorgt, dass er auch gedruckt und Geld auf das Konto des Lohnschreibers überwiesen wird. “Hooligan verliert Arm“ klingt besser als “Fußballfan verliert Arm“. Die Wirkung der erstgenannten Schlagzeile macht den Leser aufmerksam und sorgt für Gedanken, die nicht das Schicksal des jungen Menschen sehen, der sein Leben lang gezeichnet sein wird, sondern der Leser denkt an einen Hooligan, der durch sein eigens Tun und Handeln selbst schuld an seinem Schicksal ist. Hooligans und Ultras sind für diese sogenannten Journalisten und Leser der Abschaum der Gesellschaft, Streunende Köter, um die es einem nicht leid tun muss, die selber daran schuld sind. Wie können Menschen im sogenannten Journalismus alle Menschlichkeit über Bord werfen und gleichzeitig das Unmenschliche unter Ultras und Hooligans anprangern? Ein Spagat, der wohl nur einem Lohnschreiber und dem hirnlose Gefolge, auch genannt “die Leser“, gelingt, da sie es sich seit vielen Jahren angeeignet haben!

Journalisten sind eines der Rädchen im System. Polizei, DFB, DFL und der Staat betreiben hemmungslosen Lobbyismus und die Massenmedien geben sich dafür gerne her. Gesetze, Maßnahmen, neue Regulierungen werden beschlossen und müssen an den Mann, respektive Fan gebracht werden. Was eignet sich aus Sicht der Regulierer besser als die Verbreitung über die Massenmedien? Eine Meinung wird durch den Lobbyismus an Millionen Empfänger gebracht, der Clou daran ist, dass die Oberen den Wortlaut vorgeben, bestimmen, was verbreitet wird und welche Reaktion dies bei der Öffentlichkeit auslösen soll und der Lohnschreiber, der sogenannte Journalist, spielt da gerne den Lakaien und tippt den Artikel fröhlich in sein MacBook. Egal ob vor der WM 2006 in Deutschland, neue Stadionverbotsrichtlinien, nach ausufernden Polizeieinsätzen oder erst kürzlich bei der Pyrodebatte: Geschrieben wird, was die Oberen haben wollen, sogenannte Journalisten, die ausscheren und sich mit der realen Wahrheit befassen wollen, sind nicht gerade eine große Masse und gehen in dieser unter. Der Fan ist dabei der Dumme und das Versuchsfeld für einen immer neuen Wahnsinn des Staates und der Verbände, deren Regulierungswahn keine Grenzen zu kennen scheint.

Journalisten sind gut organisiert und weit vernetzt. Sie nutzen die modernen Massenmedien, wie Zeitungen und das Internet, um ihre Botschaften, Lügen und Hysterie zu verbreiten. Regelmäßig schwärmen sie aus und begeben sich auf ihren Feldzug gegen aktive Fans und Ultras. Bewaffnet mit Handys, iPhones, Smartphones und MacBooks schlagen sie zu und senden ihre “Wahrheit“ in alle Welt. Ihre treuen und leicht gläubigen Leser lassen sich dabei als weiterer Multiplikator missbrauchen und verbreiten die Inhalte in Form von Kommentaren auf den Homepages der Medien weiter, sie verbreiten diese in sogenannten Fanforen, am Stammtisch oder in Gesprächen auf der Arbeit oder im privaten Umfeld. Der Journalist ist sich dessen durchaus bewusst und arbeitet gezielt daran, die Meldungen so zu formulieren, dass sie der einfache “Manfred“ kapiert und fröhlich weiterverbreiten kann. Schuldig machen sich auch die sogenannten Ultras selbst, welche diese Meldungen in den eigenen Medien, wie beispielsweise ultras.ws, ebenfalls weiterverbreiten und die Inhalte gar noch diskutieren und für bare Münze nehmen. Schämt euch, ihr seid der Abschaum innerhalb des Abschaums und die Lakaien eines Systems, das ihr angeblich ablehnt und bekämpfen wollt. Ihr seid nichts weiter als ein weiterer Teil der hirnlosen Herde, die unserer Bewegung schadet und den sogenannten Journalisten und den Oberen in die Karten spielt!

Der Journalismus an sich wird neben der Judikative, der Exekutive und der Legislative oftmals als die vierte Gewalt eines Staates bezeichnet. Er wirkt meinungsbildend und manipulativ auf seine Nutzer und Empfänger. Unabhängige Medien sucht man in Deutschland leider vergebens, denn diese kommen, im Bereich der Ultraskultur, von den Ultras selbst, die in der Regel, abgesehen von leider wenigen Ausnahmen, auch nur von den Ultras genutzt werden. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt und es ist nicht davon auszugehen, dass sich in dieser Hinsicht etwas ändern wird. Wir leben in einer Gesellschaft, die Gewalt zwar ablehnt, diese aber ausübt und gerne begafft, nur um danach seinen Ekel auszudrücken und durch die moderne Medienlandschaft kann sich ein Jeder durch einen Kommentar wichtig machen. Es ist der Moment gekommen, an dem wir uns auskotzen müssen, indem wir populistisch auf den Populismus reagieren, in dem wir mit Verallgemeinerung auf die Verallgemeinerung reagieren, in dem wir die Stigmatisierung durch Stigmatisierung anprangern, in dem wir die Verbreitung von fragwürdigen Inhalten durch die Verbreitung von (für viele sicherlich) fragwürdige Inhalte verbreiten. Wir nutzen unsere Medien, um die Nutzung und den Missbrauch der Medien zu kritisieren. Wir sind Ultras, wir müssen uns vor niemanden rechtfertigen, außer vor uns selbst!

[Dieser Beitrag wurde am 10. März 2012 bei Ostfussball.com publiziert.]

Die Leiden des jungen Willmann

Frank Willmann (Stadionpartisanen – Fans und Hooligans in der DDR, ZONENFUSSBALL, 11Freunde-Kolumnist) litt im vorigen Monat ob der rasenballsportlichen “W-I-N-T-E-R-P-A-U-S-E“ offenbar Qualen über Qualen, verfiel resultierend augenscheinlich quasi “in pränatales Siechtum“ und knirschte als scheinbar selbstverordnete Therapie biestig ein wenig mit den Zähnen. Unvergessen sein 2011’er vorweihnachtliches “Begnadigt Dynamo!“ – “so weit so schlecht, wer die bemühte Ironie oder den noch bemühteren Sarkasmus herauszulesen vermag” – beim ’Magazin für Fußballkultur’ (Willmann knirscht mit den Zähnen – Wen juckt’s?).

In einigen Ligen rollt der Ball mittlerweile von Neuem über den Rasen: Ende der Winterpause. Ende des Willmann’schen Siechtums, des Leidens? “Ich bin wieder trunken vor Glück“, posaunt Herr Frank.

“(…) In unserer schnöden Fußball-Welt des schnellen Geldes, ist jegliches Gefühl als zartes Pflänzchen zu bewerten. Nicht umsonst ist es bei einigen Ultras Mode, anstatt der Mannschaft sich selbst zu feiern. Ein Vorbote des endgültigen Verfalls unseres Sports? (…)“

Ultras feiern sich nur selbst? “Unser“ Sport verfällt? Allein – dem Verfall scheint auch einig anderes preisgegeben zu sein …

Wer kolumnistische Vergangenheitsbewältigung mag, wird – unter gewissen Umständen sich dabei selbst erfreuend – gewisse Passagen des neuesten Ergusses des jungen W. wie ein Schwammkopf aufsaugen und reflektieren, wie auch immer – was wiederum mitnichten keinesfalls eine pseudosexuelle Anspielung gewesen sein soll.

Frank Willmann bleibt sich letztendlich schließlich nur irgendwie selbst treu, verarbeitet nunmehr scheinbar innerlich mehr als eine Erinnerung und lässt im Milchglas seines Gedenkens zugleich seit Jahren im Osten schlummernde Erinnerungen widerspiegeln, irgendwie jedenfalls. Wohl niemals seit Guido Knopp lag Vergangenes allein schon in einer Headline so zum Greifen nahe im Topf einer andeutungsvoll köchelnden Geschichtssuppe – “Wie der Stasiknast in Bautzen!“ (11freunde.de, 24. Januar).

“(…) Zu Zonenzeiten hießen die Fußballfans zwischen Suhl und Saßnitz Anhänger. Das klingt ein wenig nach Sekte. Und wurde wahrscheinlich von Erich Mielke eingeführt.

Die Spiele wurden 14 Uhr angepfiffen, im Winter mal früher. Solchen Quatsch wie Freitag, Sonntag oder Montagspiele gab es nicht. Wenn es schneite, bohrten wir auf den gefrorenen Rängen weiter in der Nase und träumten (…)“

Zugegeben geht es in besagter Kolumne eigentlich eher um das Punktspiel FC Carl Zeiss Jena gegen 1. FC Saarbrücken in der 3. Liga, vom jungen W. via Online-Liveticker an einem scheinbar einsamen Laptop verfolgt. Es geht auch um eine Katze und schlussendlich dann darum, sich selbst abzuklatschen, irgendwie jedenfalls. So schmatzt Spieltagssuppe erst richtig unter den eigenen Achseln – verwürzt mit Anspielungen auf Karl Valentin, Franz Josef Strauß, den Ying-Yang-Effekt und eine zwischen den Zeilen aufblitzende politische Dolchstoß-Legende. Frank Willmann beziehungsweise die 11freunde-Redaktion haben ja schließlich bestimmt nicht umsonst die prägnante Überschrift “Wie der Stasiknast in Bautzen!“ gewählt. Ach ja, wurde eigentlich die Katze schon erwähnt?

Waren der Laptop oder die Katze in Bautzen, im zitierten Stasiknast? Da es Laptops im damaligen Ossi-Land nicht gab, wie hat die Katze überlebt? Oder gab es dazumal doch schon Laptops? Wo sind all die Katzen hin? Waren es etwa doch zu kleine Hände (Bettina Wegner)? Fragen über Fragen …

“Die Leiden des jungen Werther“ (Johann Wolfgang von Goethe), “Die neuen Leiden des jungen W.“ (Ulrich Plenzdorf) und nunmehr “Die Leiden des jungen Willmann“? Das sich zuweilen reckende oder verkümmernde Geäst des Baumes der Literaturgeschichte wuchert in welche Richtung? Fragen dürfen wird man doch wohl noch mal, wenn auch im qualitativ sehr unterschiedlichen und herbeizitierten Dreiklang Goethe-Plenzdorf-Willmann. Wobei: “Kolumnen-Schreiber sind ja fast vogelfrei mit sich selbst bei ihren Verlautbarungen“.

Frank Willmann – “Warum ich Dir nicht schreibe? – Fragst Du das und bist doch auch der Gelehrten einer“, so einst Johann Wolfgang von Goethe in einem bezüglich literarischen Werk. Weitere Relativierungen sind hinfällig – und würden zudem Herrn Goethe und ebenso Herrn Plenzdorf letztendlich keineswegs auch nur annähernd gerecht werden. Vermutlich allerdings sind die Leiden des jungen Willmann noch nicht zu Ende.

[Dieser Artikel wurde am 25. Januar 2012 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Willmann knirscht mit den Zähnen – Wen juckt’s?

Frank Willmann zeichnet nicht nur für Bücher wie Stadionpartisanen – Fans und Hooligans in der DDR und ZONENFUSSBALL verantwortlich. Er kolumnet ebenso gelegentlich hier und da, beispielsweise auch beim “Magazin für Fußballkultur“ 11Freunde.

In der dem diesjährigen Weihnachtsfest nächstgelegenen 11Freunde-Dienstagskolumne bricht nun scheinbar lang angestautes unvermittelt aus Herrn Willmann fast übersprudelnd hervor – die Welt ist eine Glaskugel und zudem noch ungerecht. Froher die Glöckchen nie klangen. Kolumnen-Schreiber sind ja fast vogelfrei mit sich selbst bei ihren Verlautbarungen, Buch-Autoren wird zuweilen noch eine gewisse Seriosität unterstellt.

Frank Willmann fällt in besagter Kolumne unaufgefordert fast sogleich quasi scheinbar selbstverordnet “in pränatales Siechtum“, sieht irgendwo “blonde deutsche Maiden mit dicken Knarren hasten auf Brettern durch den Schwarzwald“, bemerkt wie nebenbei aus den Augenwinkeln ein imaginär laufendes TV-Gerät, “beherrscht von zufriedenen urbayerischen Weiberlein. Mit dicken Pullis an. Sie glotzen blöd und dauerfidel aus dem Heimkino und palavern Unverständliches“ – und zwischenbenennt das Ganze bis dahin “W-I-N-T-E-R-P-A-U-S-E – heißt das Unwort des distinguierten Fußballfreundes“. So weit so schlecht, wer die bemühte Ironie oder den noch bemühteren Sarkasmus herauszulesen vermag.

Aber eigentlich firmiert besagte Kolumne von Herrn Willmann unter der Headline “Begnadigt Dynamo!“. Ja, da bleibt – um mit des Kolumnisten Worten zu sprechen – schließlich “uns galanten Hengsten des Fußballsports … nur der Blick in die Glaskugel“.

“(…) Und was sagt uns Beutegermanen mit der Impertinenz des falschen Geburtsorts das Kügelchen? Eins ist sicher: es wird auch 2012 so weiter gehen. Die Bundesliga bleibt Ostfußballbefreite Zone. Die Fans zwischen Saßnitz und Suhl sind im einundzwanzigsten Jahr nach der Wende vom großen Fußball abgeschnitten (…)

(…) der Rest der ostdeutschen Gemeinde? Nichts als zweit- bis drittklassige Trübsal. Einige der ruhmreichen Vereine, die vierzig Jahre den Fußball im Osten prägten und groß machten, sind komplett aus der kunterbunten Fußballwelt verschwunden. Brotkörbe und Wasserkrüge statt Sekt und Kaviar.

Und wenn dann heute mal einer in Dresden, Rostock oder Leipzig austickt, kommen die Paten des Mammons sofort mit der chemischen Keule. Als hätten DFB und DFL nicht genug vom Ostfußball profitiert (…)

Ihr rüstigen Rentner des DFB samt politisch interessierter Freundeschar! Merkt Ihr nicht, dass Ihr den Ostpöbel mit Euer Politik der neunschwänzigen Katze direkt in die Arme des Gegners treibt? Wenn einer immer nur die letzte Laterne in die Hand gedrückt bekommt, ist nur noch Fasching im Gehirn (…)

Zeigt endlich Köpfchen und begnadigt Dynamo Dresden. Setzt Zeichen der Vernunft, haut Euch mit den hervorragend arbeitenden Fanprojekten und anderen Profis der Fanarbeit und Fanforschung an einen Tisch und lasst die Politiker zu Hause (…)

Jetzt geht’s um Schadensbegrenzung größeren Ausmaßes. Theo, am Wochenende ist Pogo unterm Weihnachtsbaum. Zieh eine milde Gabe für Dynamo aus dem Sack und dann ab hinter die Kulissen mit Dir!“

Ach – und dann doch noch plötzlich bissel mehr nachgeknirscht, Frank Willmann? Kolumne ist halt eben Kolumne, whatever.

Ach ja – aber wen interessiert so etwas schon in Frankfurt am Main, im Westen der Bundesrepublik, beim DFB, bei der DFL und überhaupt? Knirschen wir eben ruhig oder lauter mit den Zähnen vor uns hin, juckt’s wen?

[Dieser Artikel wurde am 21. Dezember 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Dynamo Dresden und Volkes Stimme

Es war ein sonniger Sonnabend, der zweite seiner Art im November. Der Kaffee tröpfelte gerade morgendlich durch die Maschine, als die Sächsische Zeitung auf dem Frühstückstisch unvermittelt leise zu sprechen anhub: “Siehe, ich bringe dir gedruckte Botschaften aus der weiten Welt und der Region – Lies mich!“ Oder war es etwa nur das Blubbern der Kaffeemaschine?

Doch einige Zeit später, der Kaffee und das Zigarettchen danach dampften vor sich hin, schien wiederum ein papierraschelndes Stimmchen im sonnendurchfluteten Raum zu erklingen: “Lies mich! Bitte! Ich bringe dir Botschaften! Botschaften zu den bösen Mädels und Buben aus dem Umfeld von Dynamo Dresden, Ultras oder Hooligans oder Fans, wie immer die auch heißen.“ Leichtes Stirnrunzeln am fast schon aufgeräumten Frühstückstisch – nur der Kaffee in der Tasse und das Zigarettchen im Aschenbecher dampfen noch vor sich hin. War der Freitagabend wirklich so heftig, so deftige Nachwehen von der klitzekleinen Feier, dass man nun schon eine gedruckte Zeitung sprechen hört?

Das papieren klingende Flüstern vom Tisch her wird nun ein wenig nachdrücklicher, eine Fiktion ist fast ausgeschlossen, die Sächsische Zeitung scheint wirklich zu sprechen: “Ich bringe dir Botschaften! Ich bringe dir Volkes Stimme!“ Immer noch leicht irritiert tastet eine Hand bereits nach der gedruckten Ausgabe der Zeitung. Halt! Stopp! Hier spielt doch wohl jemand einen kleinen Streich an so einem wunderschön sonnigen Novembersonnabend?

Nein, die Stimme geht einem nicht mehr aus dem Ohr: “Schau dir mein Leserforum an. Lies, was Volkes Stimme rund um Dynamo Dresden zu sagen hat. Sieh, wie wohlfein dabei differenziert wird. Schau, wie ich den Boden dafür bereitet habe.“

Nun allerdings ließ sich der Griff zur Zeitung durch nichts mehr unterdrücken –

“Wie bekommt Dynamo die Randale in den Griff?

Dynamos Auswärtsspiele sind begleitet von Prügel und Ausschreitungen. Der Verein sucht Lösungswege. Hier diskutieren SZ-Leser …

Nun ja, auf den ersten schweifenden Blick 23, nein genau 24 gedruckte Beiträge im Leserforum der quasi sprechenden Zeitung. Oh oh, 24 ist ja ganz schön knapp bei 23 und Nichts ist so wie es scheint, murmelte plötzlich eine weitere Stimme im Raum vor sich hin, verstummte allerdings abrupt, zudem noch überdeckt von fast schon zu hörenden huschenden Augen durch besagtes Leserforum und dem Geräusch der erneut vor sich hin tröpfelnden Kaffeemaschine.

Derweil blieben die huschenden Augen mitten auf der Seite des Leserforums erst einmal gewissermaßen hängen. “… Dynamo kann die Randale so lange nicht in Griff bekommen, solange selbst der Fanbeauftragte, und dies nicht zum ersten Mal, die Schuld nicht bei den Chaoten, sondern bei den Einsatzkräften der Polizei sucht und deren Einsatz als unverhältnissmäßig bezeichnet …“

Nicht übel für den Auftakt, sagten die Augen und schauten interessiert weiter. “… Solange Ultras und Dynamo-Hooligans zu Brandstiftung und Prügeleien mit der Polizei aufrufen, sind sie kriminelle Vereinigungen und von unserer bisher zu weichen Justiz durch echte Strafen zu erziehen …“

So, die durch eine nachträglich zweite, übrigens ohne weitere Nebengeräusche, vollgeblubberte Kaffeekanne mehr und mehr koffeingestärkten Augen wurden noch aufmerksamer und lasen weiter – “… Der Polizist, der zu seiner Verteidigung zuschlägt, muss sich dafür verantworten. Der Steinewerfer nicht …“ Noch ein Käffchen? – denn weiter geht’s mit beispielsweise “… Konsequenter vorgehen, den Verein auflösen …“ beziehungsweise “… von städtischer Seite nicht einen Cent mehr in dieses Unternehmen stecken …“ oder, wenn das schon nicht klappt, wenigstens “… Ausweisscanner an die Eingänge, inklusive persönliche Ausweisidentifikation wie im Flughafen …“

Mittlerweile war dann schon die dritte Kanne Kaffee durchgelaufen, so eine durch und durch spannend ausführliche und zudem noch bildende Lektüre am sonnabendlichen Vormittag geht ja ohne entsprechendes Doping schon mal gar nicht: “… Dynamo sollte endlich dauerhaft Video-Überwachung einsetzen, verdeckte Polizeikräfte auf die Ränge schicken …“ Zukunft, ich scheine dich zu hören – “… Die Vereinsführung verhätschelt die Ultras. Teilweise hatten die Ultras die Macht über die Sicherheit im Stadion. Es gibt … offensichtlich in der Vereinsführung Kräfte, die zumindest solche Ausschreitungen tolerieren …“ Zuviel Kaffee ist nicht gut.

Trinken andere Menschen auch nur Kaffee? – “… Wenn ich sehe, dass die Polizei nicht eingreift, frage ich mich, warum man die Polizei zur Arbeitsverweigerung nötigt und die Justiz untätig bleibt …“ Na, zumindest die Kaffeemaschine hatte sich derweil nicht arbeitsverweigernd mehrmals durchgeblubbert, aber dieser bezügliche Vergleich hinkt wohl ein wenig, wie ein jeder seiner herbeizitierten Art.

Dafür allerdings liest sich eine in besagtem Forum publizierte Lesermeinung dann fast schon wie resümierend: “… Nur durch intensive Bestrafung der Täter bekommt Deutschland das Problem in den Griff – allerdings erst, wenn Polizisten sich nicht für jeden Schlagstockeinsatz verantworten müssen …“

Man mag an imaginären Lagerfeuern trefflich darüber streiten, wie und von wem Leserbriefe zustande kommen und dann letztendlich mit welcher Absicht auch immer publiziert werden, whatever.

Es war vormals ein sonniger Sonnabend, der zweite seiner Art im November – und dann wurde irgendwie der Kaffee kalt.

“… Die halbe Welt weiß, dass immer die mit den Clownsmasken und den weiß-blau-roten Kopfbedeckungen die gesamte Pyrotechnik zünden! …“

Nota bene: “… Eventuell müssten einige Fans zum Psychiater/Psychologen zur Pflichttherapie …“

Ist noch ein frisch geköchelter Kaffee gefällig?

*Alle fett kursiv gesetzten Zitate – auszugsweise – so im Original: Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), Leserforum, 12. November 2011*

[Dieser Artikel wurde am 14. November 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

Dynamo Dresden in Dortmund: Fans, Medien und der Mainstream

Während am Wochenende, wenige Tage nach den Begegnungen in der 2. Runde im diessaisonalen DFB-Pokal, in den Ligen wieder um Punkte gespielt wurde – “Ein Feiertag für Fußball-Dresden“ (Morgenpost am Sonntag) – nachwehten Betrachtungen besonders um die Pokal-Partie zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden nach wie vor durch die verschiedensten Informationskanäle.

Ersten Medienartikeln zum Dortmunder Pokal-Abend folgte im Nachgang dann viel und noch mehr allseitig zu lesendes in Print- und Online-Zeitungen, Blogs sowie Fan-Foren. Zwischenzeitlich wurden eine Stellungnahme der Fangemeinschaft Dynamo (27. Oktober) und ein ’Rückblick’ seitens Ultras Dynamo (28. Oktober) veröffentlicht.

Gleichfalls abseitig des Medien-Mainstreams gab es verschiedenste Verlautbarungen und Betrachtungen der Szenerie, aus denen exemplarisch einige, wie auch immer, herausragten.

Besonders der zuletzt angeführte Beitrag von publikative.org hat nachfolgend eine durchaus breite Kontroverse ausgelöst. “(…) Die Publikative versucht daher noch einmal, die unterschiedlichen Diskussionsstränge zu entwirren. Einerseits, weil wir das Gefühl haben, dass Teile der ursprünglichen Argumentation entweder nicht verstanden oder absichtlich ignoriert wurden, andererseits weil unsere Kritik an einer bestimmten Art von Journalismus täglich aufs Neue bestätigt wird (…)“ –

(…) Und wir sympathisieren keinesfalls mit den Tätern im Dresdner Anhang. Aber das ist schlicht und ergreifend nicht das Ende der Geschichte. Viele weitere Fragen schließen sich an: War das Sicherheitskonzept ausreichend für ca. 13.000 Gästefans? Hätte die Polizei den abgesprochenen (und auf ihren Wunsch hin umverlegten) “Marsch“ der Dresdener besser absichern müssen? Ging das in Dortmund verfolgte Konzept, keine Fantrennung durchführen zu wollen, möglicherweise nicht auf? Wie kann es sein, dass einerseits Bürgerkriegsszenarien heraufbeschworen werden, andererseits aber die polizeilich und (sport-)politisch Verantwortlichen sich (zumindest im ZDF) nicht einer kritischen Nachfrage stellen müssen? Weil man zwar Demonstrationen von 100.000 Castor-Gegnern einigermaßen polizeilich und medial begleiten kann, aber keine 13.000 Dresdner Fans? (…)

(…) Wer ausschließlich Vereinspräsidenten, Sportfunktionäre, Polizeisprecher und Sicherheitspolitiker zu Wort kommen lässt, hat die andere Seite schlichtweg nicht gehört. Wer darüber hinaus die ohnehin schon dominanten Stimmen der genannten Autoritäten in einem medialen Diskurs auch noch verstärkt, leiht seine Stimme daher auch nicht denjenigen, die keine haben, sondern denjenigen, die ohnehin schon in gesellschaftlichen Machtpositionen mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet sind (…)

(…) Auch, dass es bei den Zweitliga-Ostderbys zwischen Dresden, Rostock und Cottbus zu Beginn der Saison mehr oder weniger ruhig blieb, wird weitgehend ausgeblendet. Stattdessen werden schamlos alle verfügbaren Klischees bedient, um damit die Forderung nach Zero Tolerance und harten Strafen zu verbinden – und zwar bitte ohne großes soziologisches oder sonst wie analytisches Gequatsche. Knüppel aus dem Sack und gut. Wie sehr diese Rhetorik der Logik des unverbesserlichsten Teils der Fanszenen in die Hände spielt, lässt sich kaum überschätzen. Die radikalsten Teile der Ultras werden in ihrem “Wir gegen alle – keine Kompromisse“-Weltbild so massiv bestätigt, wie es eben gerade geht. In der pauschalen Zuschreibung von “Gewalt“ an bestimmte Gruppen oder Fanszenen besteht die größte Gefahr einer Eskalation eben dieser (…)

(…) Mit anderen Worten: Wer “große Teile“ der Dresdner Fanszene zu vorerst nicht mehr resozialisierbaren Gewalttätern erklärt, treibt die gemäßigten Teils der Fans in die Arme der gewaltbereiten. Warum sollten sich erstere weiterhin in Dialoge und Initiativen einbringen, wenn sie hinterher doch nur medial verteufelt und polizeilich behandelt werden? (…) [Etwas Besseres als diesen Journalismus – publikative.org, 30. Oktober 2011]

“(…) was passierte wirklich in Dortmund (…)“, lässt unterdessen die sonntägliche Dresdner Morgenpost durch Dirk Löpelt nunmehr ansatzweise nachfragen. Also mittlerweile wirklich plötzlich Fragen über Fragen, scheinbar? Nun, die Antworten des DFB, der DFL werden – mehr oder weniger plakativ? – folgen …

[Dieser Artikel wurde am 30. Oktober 2011 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

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