Archiv der Kategorie: PoliticalScene

MedienScreen # 294 [What the Hell …?]

[Fundstück] Sibylle Berg, “Wir machen uns die kurze Zeit auf der Welt zur Hölle“, SPIEGEL ONLINE, 2. Juli 2022 –

(…) Beraubt jeden Gefühls einer angenommenen Sicherheit beobachten viele, wie die Welt sich trotz all der wunderbaren Digitalisierung zurückentwickelt. Keine neuen Formen des Zusammenlebens werden probiert, auch nicht die Idee eines neuen ökonomischen Systems – außer dem Siegeszug des Kapitalismus, welchen Namen von “Turbokapitalismus“ bis “Neofeudalismus“ man ihm auch geben mag (…)

Mit flackernden Nerven schlagen so viele um sich, süchtig nach dem kurzen Triumph des Sich-im Recht-Fühlens. Die meisten fühlen sich betrogen um ihre Ruhe, ihre Gewohnheiten, Rechte und Sicherheit und kämpfen gegen das große Gefühl der Sinnlosigkeit an. Der letzte Kampf, das letzte Aufbäumen der traumatisierten Massen ist nicht gegen die Ungerechtigkeit gerichtet, die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit für die Märkte unterteilt; gegen die Gesetze, die Milliardären ein Steuerschlupfloch nach dem anderen bescheren und SchwarzfahrerInnen in den Knast bringen.

Der Kampf gilt jenen, die in der gleichen Ohnmacht nach einer Bedeutung suchen wie man selbst. Doch wie sollte man zuhören auf der sinkenden Titanic, wenn man angeschrien wird? (…)

Wie schön, wären die Menschen (…) altmodisch und würden wieder miteinander reden. Dem Ende unserer Zeitrechnung, das ich vermute – das durch jahrelange Fehlentscheidungen, einen drohenden Weltkrieg, unfähigen Regierungen, die genauso ratlos scheinen, wie wir alle, beschleunigt wird – in schöner Eintracht beizuwohnen, das klingt erfreulich.

MedienScreen # 292 [Camouflage in OliveGreen. Arrived?]

[Fundstück] Sabine Rennefanz, “Militarisiert sich Deutschland gerade selbst?“, SPIEGEL ONLINE, 9. Juni 2022 –

(…) Dieselben Menschen, die einen früher in den sozialen Medien mit einem “Soldaten sind Mörder“ anbrüllten, wenn man die kostenlosen Bahnfahrscheine für Bundeswehrsoldaten verteidigte, brüllen jetzt jeden Zweifel an Waffen nieder und feiern die Aufrüstung der Bundeswehr. Auch der Wortschatz von Menschen, die für ihre sensible Sprache bekannt waren, ändert sich. “Die kann richtig was“, schwärmte zum Beispiel Wirtschaftsminister Robert Habeck (…) bei Maybritt Illner. Er sprach von der Panzerhaubitze 2000. Der Ex-Zivi klingt ein bisschen wie das Werbevideo von der Bundeswehr. Ja, was kann die Panzerhaubitze? “Wenige Geschütze erzielen eine immense Wirkung“, heißt es auf dem YouTube-Kanal der Bundeswehr. Zu “Game of Thrones“-Klängen rollt die Panzerhaubitze über leere Felder und feuert Schüsse ab, am Horizont taucht Rauch auf. Keine Toten, keine Verletzten. Sauber! (…)

***

MedienScreen # 290 [BündnisOlivGrün sells]

[Fundstück] Felix Klopotek, “Green Peace“, konkret, 5/2022 –

(…) War Krieg für die Grünen vor wenigen Wochen noch die ultima ratio, nur denkbar als begrenzte, nun ja: Spezialoperation – so wurde die Zustimmung der Parteispitze zum Nato-Überfall auf Jugoslawien in die Parteigeschichte integriert -, scheint er jetzt die Herausforderung zu sein, die pazifistisch versiffte Nationen dringend benötigen, um sich mental zu verjüngen und wirtschaftlich und infrastrukturell neu aufzustellen. Man darf nicht vergessen, dass es nie nur die pragmatische, realpolitische und pedantisch auf Quote und Proporz pochende Seite der Grünen gab, sondern immer auch die visionäre, gesellschaftsplanerische.

(…) moralische Standards waren stets Teil der grünen intellektuellen Visionen, konnten aber tagesaktuell geopfert werden, wenn es darum ging, die Staatsräson durchzusetzen (…)

***

MedienScreen # 288 [OliveGreen Way]

[Fundstück] “Vorsicht, Merkel-Falle!“, Stephan-Andreas Casdorff, Kommentar, Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 13. April 2022 –

(…) Auf dem Grünen-Parteitag 1999 wurde der damalige Außenminister Fischer wegen des Kosovo-Einsatzes der Nato (mit der Bundeswehr) mit einem Farbbeutel beworfen. Nicht nur für den linken Fundi-Flügel bedeutete das Ja zum Einsatz eine Zäsur (…)

Und heute? Waffenlieferungen! Einsätze außerhalb des Bündnisgebietes! So sieht die Wirklichkeit aus. Außenministerin Baerbock fordert die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine. Und Kritik ist nicht vernehmlich.

(…) Die Wandlung beispielsweise bei Baerbock und Habeck ist schon für die Öffentlichkeit atemberaubend. Wie muss die erst auf die Partei wirken? (…) Die Grünen schienen vor der jüngsten Wahl kurzzeitig auf dem Weg zur Volkspartei zu sein (…) Die Performance von Baerbock und Habeck (…) beflügelt diese Vorstellung wieder.

***

(Screenshot Twitter: O.M.)

***