Schlagwort-Archive: Medien

MedienScreen # 293 [Far from Retired? Pittiplatsch.]

[Fundstück] “Pittiplatsch: Des Widerspenstigen Zähmung“, politplatschquatsch.com, 17. Juni 2022 –

(…) Hässlich, frech, schwarz und aus dem Osten, ungeachtet dessen aber laut und widerspenstig. Ein Migrant, dem das Land abhanden gekommen ist, kinderlos, aber selbst auch im hohen Alter noch ein Kind. Ein Punk, ein brauner Bomber, ein Glatzkopf mit der Stimme einer Krähe, bewundert, verachtet, geliebt und missbraucht. Das alles ist Pittiplatsch, eine Symbolfigur für das Überleben unter ungünstigsten Umweltbedingungen (…)

Dabei war die Karriere des Pittiplatsch, dem seine Schöpfer wie in kolonialen Zeiten durchweg üblich die Vergabe eines Nachnamens verwehrt hatten, schon zu Ende, als sie gerade erst begonnen hatte. Kurz nach dem Mauerbau ins Fernsehstudio geschoben, um die Stimmung im Volk mit systemerhaltenden Streichen, Rock-Roller-Sprüchen wie “Ach, du meine Nase“ und das später durch PPQ weltweit bekannt gewordene “Platsch-Quatsch!“ zu heben, flog Pitti, wie ihn seine Pupp*innenkolleg*innen in einer typisch ostdeutschen Verniedlichungsform nannten, nach Protesten besorgter Pädagogen wenig später schon wieder raus.

Ein frühes Opfer der damals noch jungen Cancel Culture, die in jenen Jahren der sozialistischen Zensur erst so grob entwickelt war, dass ihre Kinderschuhe es nicht vermochten, die Laufbahn des Bildschirmrebellen dauerhaft zu stoppen. Schon Heiligabend 1962 durfte der runde schwarze Fex wieder Possen reißen und Schnatterinchen ärgern – ein Stellvertretender aller Machos, Zyniker, Herrenwitzanhänger, den seine sagenhafte Herkunft aus einem Geschlecht von Kobolden, die seit alters her in einem sagenhaften Koboldland leben, vor jeder Kritik schützte. Pittiplatsch durfte das, denn er war Pittiplatsch (…)

Zu seinem 60. ist Pittiplatsch angekommen im neuen Deutschland, das in so vielen kleinen Dingen an das Land erinnert, aus dem er kommt. Auch dort wurde Kaisergeburtstag für Kunstfiguren gefeiert, die man sich eigens zu diesem Zweck sorgsam ausgedacht hatte. Auch dort durfte mitfeiern, wer seine Gängigkeit unter Beweis gestellt hatte, die Freundschaft zum großen Bruder war wichtig, der gemeinsame Kampf gegen Abweichler und daher gerade dieser Pittiplatsch, der das nonkorforme Element darstellte, den Markus Wolf, den Manfred Krug, den Jürgen Fuchs und Wolf Biermann im Puppenkörper, kantige Geschmeidigkeit, die richtige Grundüberzeugung, aber wandelbar wie die eines SPD- oder CDU-Politikers in der Russlandfrage.

Sein Denkmal hat der prototypische Deutsche, der Pittiplatsch längst geworden ist, bereits bekommen (…) Aus dem echten, abgelebten Frontschwein so vieler verbaler Schlachten mit Schnatterinchen, dem Tschekisten Mischka oder dem womöglich russischen Hund Moppi wurde ein weicher, wolliger Plüsch-Pitti, eine West-Figur mit feinem Pelz und falschen Zähnen, mit einer gelifteten Stimme und gekämmtem Haar. Diese Nachgeburt ist es, die nun überall gefeiert wird, als sei sie nicht längst gebrochen, ein vom System gezähmter Widerspenstiger, der nur noch seine Hofnarr-Rolle spielt, ohne sie wirklich zu fühlen.

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[Mit Dank & Gruß an PPQ’Pittis Geist wohnt hier’ – und dortselbst im vollständigen Original.]

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Dynamo Dresden Online. 500 Internal Server Error. Anyway.

Der nächstsaisonal bundesdeutsch drittligaagierende Fußballverein SG Dynamo Dresden (SGD) hat kürzlich seine Internet-Präsenz relaunchched – wie immer wieder schon einmal, dann und wann [… Schnöder Online-Auftritt, Juli 2011].

Nun mag jede und jeder geneigt Interessierte die aktuelle Homepage der SGD finden, wie sie oder er mag. Geschmäcker sind dabei sowieso verschieden. Die einen jubeln, ob der neuen Gestaltung. Andere wiederum staunen vielleicht bisschen hinsichtlich der technischen Realisierung, teilweise weniger oder mehr brachial scheinend.

Und so laufen eben gerade nach und nach alle älteren Verlinkungen zu archivierten Beiträgen von der vormaligen SGD-Website auf einen angezeigten 500 Internal Server Error hinaus – trotz eigens gelöschtem Cache, jedenfalls so dokumentiert. Anyway, in fact.

“… Bei einem Permalink handelt es sich um einen Link, unter dem ein bestimmter Inhalt dauerhaft auffindbar ist. Der Name Permalink ist dabei eine Kurzform für einen permanenten Link. Anders als bei einem dynamischen Link ändert sich der Inhalt der URL nicht … Webmaster sollten bei der Erstellung bzw. Bereitstellung von Inhalten im Internet auf jeden Fall auf Permalinks setzen, sofern es möglich ist …“ [xovi.de].

Aber was schon wissen denn andere, was das Kommunikations-Team der SG Dynamo Dresden nicht bereits weiß …

MedienScreen # 292 [Camouflage in OliveGreen. Arrived?]

[Fundstück] Sabine Rennefanz, “Militarisiert sich Deutschland gerade selbst?“, SPIEGEL ONLINE, 9. Juni 2022 –

(…) Dieselben Menschen, die einen früher in den sozialen Medien mit einem “Soldaten sind Mörder“ anbrüllten, wenn man die kostenlosen Bahnfahrscheine für Bundeswehrsoldaten verteidigte, brüllen jetzt jeden Zweifel an Waffen nieder und feiern die Aufrüstung der Bundeswehr. Auch der Wortschatz von Menschen, die für ihre sensible Sprache bekannt waren, ändert sich. “Die kann richtig was“, schwärmte zum Beispiel Wirtschaftsminister Robert Habeck (…) bei Maybritt Illner. Er sprach von der Panzerhaubitze 2000. Der Ex-Zivi klingt ein bisschen wie das Werbevideo von der Bundeswehr. Ja, was kann die Panzerhaubitze? “Wenige Geschütze erzielen eine immense Wirkung“, heißt es auf dem YouTube-Kanal der Bundeswehr. Zu “Game of Thrones“-Klängen rollt die Panzerhaubitze über leere Felder und feuert Schüsse ab, am Horizont taucht Rauch auf. Keine Toten, keine Verletzten. Sauber! (…)

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MedienScreen # 291 [Rammstein. Ausgerammt?]

[Fundstück] Andreas Borcholte, “Endstation Klamauk“, DER SPIEGEL, 30. April 2022 –

(…) Schon länger wurde gemutmaßt, dass Rammstein, 1994 in Berlin gegründet, mit “Zeit“ vielleicht ihr letztes Album veröffentlichen würden. Nachdem man es in Gänze gehört hat, ist diese Vorstellung nicht sehr schockierend. Die Zeit dieser großen, auch international erfolgreichen deutschen Band scheint vorbei zu sein (…) Die Buhmänner von einst, gefürchtet und bewundert für ihre martialischen Auftritte und ihre auf dem R rollenden Echos teutonischer Großmannssucht, schrumpfen mit ihren neuen Liedern auf Altherrenwitz-Format (…)

(…) Das Provokanteste an Rammstein 2022 ist für Fans sicherlich dieser neue, gezähmte Musikstil.

Vielleicht muss ein künstlerischer Zerrspiegel wie Rammstein seinen Schrecken verlieren, wenn sich in der Gegenwart realer Horror manifestiert, der Krieg in der Ukraine ebenso wie gewaltsame Übergriffe und Antisemitismus bei rechten Kundgebungen und “Spaziergängen“ von sogenannten Querdenkern (…)

(…) Den immer wieder unterstellten Flirt mit rechts haben Rammstein allerdings schon früh im Song “Links 2-3-4“ins Reich der Musikkritikerfantasie verbannt: “Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, doch/Seh ich dann nach unten weg/Da schlägt es link“, hieß es bereits 2001.

“Deutschland“, vom letzten, 2019 veröffentlichten Album, war dann der Liebesentzug für die Nation, die Abkehr von Übermensch und Tümelei mit grandioser Geste (…) Vielleicht hatten die ehemaligen DDR-Punks damit ihr bestes Pulver verschossen (…)

(…) “Tick-tack, tick-tack, du wirst alt/Deine Zeit läuft langsam ab“, singt Lindemann [2022] launig. Aber auch: “Ohne Schmerzen geht es nicht.“ Jetzt gerade tut’s richtig weh.

’Football Army Dresden’ – Chapter closed?

Aus gegebenem Anlass –

(Screenshot Twitter: O.M.)

– war da nicht was?

“Juristischer Schlussstrich zum Jahrestag“, so formulierte jedenfalls die Sächsische Zeitung in einer kürzlich zeitnahen Headline.

(…) Fast hätte es auf den Tag genau geklappt. Am 14. Mai jährt sich der martialische Aufmarsch der selbst ernannten Football Army Dynamo in Karlsruhe zum fünften Mal (…) Fünf Jahre später sind sämtliche Verfahren abgeschlossen, ins Gefängnis musste jedoch keiner der Beteiligten (…) [Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 6. Mai 2022].

Und weiterhin dokumentiert Reporter Daniel Klein dortselbst –

“Insgesamt wurde gegen 44 Beschuldigte Anklage erhoben“, teilte Matthias Hörster, Erster Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, auf SZ-Anfrage (…) mit. Es gab 38 Verurteilungen, drei Freisprüche, drei Verfahren wurden eingestellt. Vorgeworfen war den 44 Anhängern Landfriedensbruchs, gefährliche Körperverletzung oder der Verstoß gegen das versammlungsrechtliche Uniformierungsverbot (…) Hinzu kam das Verfahren gegen den Fanklub “Forza Dynamo e.V., das mit der Verhängung einer Geldbuße rechtskräftig abgeschlossen wurde“ (…) Auch die meisten Einzelpersonen wurden zu Geldstrafen verurteilt, die Summen liegen zwischen 900 und 4.500 Euro. Bei einem ist die Anzahl der Tagessätze so hoch, dass er nun als Vorbestrafter gilt. Das trifft ebenso auf fünf der sechs zu Bewährungsstrafen Verurteilten zu, dort schwankte das Strafmaß zwischen zwei Monaten und einem Jahr.

Einst …

(…) hatte die Staatsanwaltschaft sieben Monate nach den Vorfällen eine Razzia angeordnet. 31 Objekte in Dresden sowie je eins in Zwickau, Brandenburg, Baden-Württemberg sowie in Basel wurden dabei durchsucht, 400 Beamte waren im Einsatz (…) Der damalige Sprecher der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, Tobias Wagner, hatte den Aufwand als “absolut angemessen“ verteidigt. Nicht nur darüber gab es geteilte Meinungen [ebenda].

War da noch etwas?

(…) Die Behörden beschlagnahmten damals auch den olivgrünen Trabant-Kübelwagen, der an der Spitze des Fanmarsches gefahren war und von dem aus der damalige Ultra-Chef Ansagen machte. Er galt den Behörden damit als Tatmittel. Der Besitzer, der das Fahrzeug den Fans ausgeliehen hatte, bekam es nicht zurück. Dies hätte er erstreiten und dann die Verfahrenskosten tragen müssen. Letztlich willigte er ein, den Trabi als Spende an das DDR-Museum Pforzheim zu übergeben (…) [Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 6. Mai 2022].

“… Geschichte wird gemacht …“ (in memoriam Fehlfarben).

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