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Ultras.ws goes Stadionfans.de

“The future is written?“, war die Frage nach der erst kürzlich durchaus überraschenden Ansage, dass das bis dato unbestritten umfangreichste deutschsprachige Fan-Forum im virtuellen Raum – Ultras.ws (UWS) – dochnicht so einfach sterben“ würde. Und so heißt Raider jetzt Twix. Oder?

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(UWS 2.0? – Screenshot: O.M.)

Seit wenigen Stunden nun ist unter der Headline “Wir sind wieder da“ bei Stadionfans.de hinsichtlich des Reloades von Ultras.ws neubeflaggt zu lesen –

“(…) leider war unser Forum auf Drängen staatlicher Behörden seit Juni 2015 ständig unter Beschuss geraten, sodass wir die Plattform im September leider vom Netz nehmen mussten (…)

Mittlerweile haben wir allerdings wieder ein paar positive Entscheidungen beim Verwaltungsgericht mit unserem Rechtsanwalt erreichen können (…) Wir können versichern, dass kein neuer Betreiber die alte Webseite übernommen hat, obwohl zahlreiche Angebote vorlagen.

Wir hatten die Hoffnung auch niemals aufgegeben, wieder weiter zu machen – natürlich nun im deutlich kleineren Kreis. Vielleicht verirrt sich ja der eine oder andere alte User wieder hierher und findet alte Bekannte aus immerhin knapp 13 Jahren Forengeschichte wieder (…)“

Ein solches Startup vor den Endfeiertagen eines Jahres scheint gewagt. Aber was sind schon Zeit und Raum? Stadionfans.de – es wird zu sehen sein.

Ultras.ws – The future is written?

Seit dem 17. September dieses Jahres ist bekanntermaßen das bis dato unbestritten umfangreichste – allerdings verschiedentlich auch nicht unbedingt unumstrittenste – deutschsprachige Fan-Forum Ultras.ws (UWS) offline. Nach wie vor.

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(UWS am Tag der Abschaltung – Screenshot: O.M.)

Unterdessen wird auf der kürzlich reaktivierten Website von Ostfussball.com der bisherige UWS-Betreiber mit einer aktuellen Ansage zitiert –

“Das Ultras.ws-Forum wird nicht so einfach sterben. Es ist ja noch da, auch wenn zur Zeit leider nur als Parkingseite. Und viel wichtiger – wir kommen schon bald wieder! Allerdings wird es ein kompletter Neuanfang mit neuer Software sowie Domain. Das .ws für West Samoa wird verschwinden, denn wir wollen zu unseren Wurzeln zurückkehren, und das ist nunmal Deutschland. Nur das Wort ’Ultras’ wird nicht mehr so vorrangig fallen, dafür aber mehr über ’Fußballfans’ oder ’Fankurve’ berichtet. Ansonsten wird aber am alten Konzept festgehalten. Also einfach mal hin wieder drauf schauen, es dauert gar nicht mehr all zu lange. Die Techniker sind bereits dran und der Server sowie neuer Name steht auch schon …“ (Ostfussball.com, 18. Dezember).

“Die Zukunft ist die beste Zeugin“ (Pindar).

In memory of Ultras.ws

Vor wenigen Stunden wurde am heutigen 17. September 2015 die Internetpräsenz Ultras.ws (UWS) durch den Betreiber in Eigenverantwortung kontrolliert vom Netz genommen und ist demzufolge offline.

Bis zuletzt galt Ultras.ws – trotz szeneintern ganz gern einmal geäußerter Kritik – als das größte deutschsprachige Fan-Forum im virtuellen Fußballraum.

ultras.ws

Innerhalb eines zeitweise durchaus heftig vollzogenen Diskurses um Ultras im Internet, in den Stadionkurven und darüber hinaus, führte Blickfang Ultra (BFU) vor einigen Jahren ein Interview “mit den Machern von ultras.ws“.

Im Rückblick auf die virtuelle Zeitgeschichte wird nachfolgend dieses Text-Dokument auszugsweise reproduziert –

Beschreib doch mal bitte, wann das Projekt ultras.ws gestartet wurde und welche Ziele mit dem Forum verbunden sind. Wie viele Leute stecken hinter diesem Projekt?

Das Projekt wurde ursprünglich unter dem Namen Ultrafans.de im Jahr 2004 gegründet und sollte ein kleiner Info-Blog für erlebnisorientierte Fußballfans werden. Als Forum lief es dann 2005 an, sozusagen neben Hooligans.de mit der gleichen Interessengemeinschaft. Im Umfeld der WM 2006 rückte das Forum in den Fokus der bürgerlichen Medien und erlangte dadurch einen größeren Bekanntheitsgrad. Nach den schweren Ausschreitungen in Leipzig Anfang des Jahres 2007 wurde dann der Serverplatz wegen angeblicher Gewaltverherrlichung gesperrt und wir beschlossen, dem – teilweise herbeizitierten – Hooligan-Image mit einem neuen Namen zu begegnen.

Seit Mitte 2007 läuft das Forum nun unter dem Namen Ultras.ws (…) Wir verstehen Ultras.ws als Treffpunkt und Informationsplattform für Fußballfans jeder Provenienz. Das Credo des nach wie vor zugehörigen Blogs Ultrafans.de lautete schließlich nicht umsonst eine Zeit lang “Für die ganze Kurve”.

Ultras.ws wird derzeit – neben dem bezahlten technischen Support auf unserem eigenen Server – durch ein mittlerweile stabiles Team (…) getragen.

Aus welchen Szenen stammen diese Leute?

Unsere Moderatoren qualifizieren sich nicht vordergründig nach “Ultra-Kriterien” und etwaigen Szenezugehörigkeiten, sondern nach einem gewissem IQ – dazu gehört auch die Fähigkeit der deutschen Schriftsprache mächtig zu sein – und ihrem Wissen ums Internet sowie einer Loyalität untereinander, gegenüber dem Admin, letztlich zum gesamten Forum, quasi jedem einzelnen User. Zudem brodelt wohl in jedem von unserem Team eine gewisse Affinität zum Fußball im weitesten Sinne und zum allgemeinen Ultra-Gedanken. Nicht zuletzt haben wir uns ja auch den Kampf gegen Kommerz und unsolide Verbände auf die Fahne geschrieben – und dazu muss man nicht unbedingt Hardcore-Ultra sein, um diese zunehmenden Gefahren deutlich zu benennen.

Wie genau definiert Ihr “Ultra-Kriterien” oder den “allgemeinen Ultra-Gedanken”?

Ach komm’ – das vielzitierte Ultra-Manifest hat ja nun fast jeder irgendwann mal gelesen. Gut, vielleicht noch einmal deutlicher gesagt: Um bei Ultras.ws aktiv mitzuwirken, bedarf es unserer Team-Auffassung nach nicht der direkten Mitgliedschaft in einer der Szene-Gruppierungen. Unser hauptsächliches Mittel ist das Internet. Schon vor einiger Zeit resümierte damals BAFF, dass “Fußballfans keine Lobby haben und man mit dem Hooligan-Totschlagargument jede noch so absurde Maßnahme rechtfertigen kann”. Dagegen stehen wir. Irgendwo war im vorigen Jahr zu lesen: “Selbst ernannte Fußball-Experten, angebliche Szene-Kenner aller Couleur, gibt es landauf und landab; sich zudem teilweise mit virtuellen Internet-Ultras und Foren-Hooligans gegenseitig fast perfekt niveaulos ergänzend”. Auch dagegen arbeiten wir. Wir müssen uns doch nicht ständig öffentlich definieren oder gar für unser Tun rechtfertigen, wir tun es einfach – für die ganze Kurve, zumal auf Ultras.ws ja auch nicht nur deutsche Fans, Kutten, Ultras, Hools unterwegs sind.

Trotzdem steht Ihr aber offensichtlich besonders bei denen, die das Geschehen in den Kurven am aktivsten formen und fördern – nämlich die Gruppen selbst – immer wieder in der Kritik. Nicht wenige Gruppen haben sich öffentlich bereits mehrere Male negativ über Eure Plattform geäußert. Wie setzt Ihr Euch damit auseinander?

Kritik nehmen wir auf alle Fälle erst einmal zur Kenntnis, schließlich lesen wir ja den Tag und auch zuweilen die Nacht über so einiges. Das Niveau von Ultras.ws zu kritisieren, diese Kritik aber manchmal selbst auf eine Art zu publizieren, die eher im Artikulationsbereich eines Vorschülers anzusiedeln ist, zeugt allerdings nicht unbedingt von Reife oder Verständnis. Es kommt schon darauf an, wie sich uns gegenüber kritisch geäußert wird. Einiges mag da ja mitunter durchaus berechtigt sein. Schließlich tauchen in jedem Online-Forum unqualifizierte Beiträge von Usern auf. Da gilt es eben, möglichst zeitnah und sauber die Spreu vom Weizen zu trennen und eine einigermaßen okaye Struktur zu gewährleisten. Gerade in unseren News-Bereichen halten wir uns zu Gute, ziemlich fit zu sein und Berichte sowie Nachrichten nicht ungeprüft stehen zu lassen.

Aber schau Dir mal andere, eher interne, Foren an: Da werden Berichte von so genannten Ultra-Größen geschrieben und man kann schon den Eindruck bekommen, Kritik und Diskussionen seien unerwünscht. Unser Ansatz ist da deutlich breiter gefächert.

Die uns gegenüber immer wieder einmal postulierten Statements von Szene-Gruppierungen, wie beispielsweise “Wer nicht dabei war, sollte sich kein Urteil erlauben”, sind in Zeiten der vernetzten Informationsmöglichkeiten doch einfach irgendwo nur noch kindisch und ebenfalls immer wieder einmal kursierende Boykott-Aufrufe sind noch kindischer – zumal es ja bei weitem nicht so ist, dass wir nur im Internet unterwegs wären.

Und unser Bemühen, die in unserem Forum stattfindenden Diskussionen in einem mehr als nur ansatzweise niveauvollen Rahmen zu halten, kann uns wohl niemand zum Vorwurf machen – jedenfalls stehen wir für Ultras.ws gerade, und gut ist.

Seht Ihr Euch denn selbst als Ultras?

Gegenfrage: Glaubst Du, dass sich Leute, die beispielsweise in der Financial Times schreiben, mit den Finanz-Gebaren über die sie berichten, identifizieren? Da liegt uns als Team – um im bemühten Bild zu bleiben – der Ultra-Gedanke wohl bedeutend näher, als denen die Knete anderer. Aber falls Du darauf anspielst: Wir sind durchweg alle keine Jüngelchen mehr, und jeder von uns hat bis heute durchaus seine eigene mehr oder weniger erlebnisorientierte Vita.

Das klingt beinahe so, als würdet Ihr Euch von vielen Dingen bewusst distanzieren, die die Ultras – oder zumindest die “Ultra-Größen”, wie Du sie nanntest – momentan beschäftigen und die ihren Tagesablauf bestimmen. Ist das so?

Ja, teilweise schon – wenn man sich beispielsweise die politische Einflussnahme bestimmter Gruppen anschaut. Das hat schon in mehreren Situationen auf der Straße oder auch im Internet für Konflikte gesorgt, welche mit dem Sport in keinster Weise zu tun haben. Wir versuchen die Politik bewusst aus unserem Forum herauszuhalten.

Worin besteht eigentlich der Tagesablauf eines Ultra, gute Frage – wohl doch aus Arbeit, Freunden und seinem geliebten Verein. Daran dürfte sich in den letzten Jahren nichts grundlegend groß geändert haben. Zaunfahnen malen und Schals herstellen gehörte auch in den 70iger und 80iger Jahren dazu. Selbst Choreos hat man damals schon versucht, welche aber in der heutigen Zeit aufgrund der besseren Organisation innerhalb der Gruppen deutlich professioneller ausfallen. Und der Kampf gegen die allgemeine Kommerzialisierung treibt uns doch alle irgendwie um, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen. Unser vorrangiges Mittel ist nun mal das Internet. Klar, der mehr als schleichende Kommerz konnte bislang allerdings auch durch den Kampf der Ultras nicht aufgehalten werden. Aber selbst damit können Ultras leben, sonst wäre ja die Ultra-Bewegung längst wieder ausgestorben.

Wir distanzieren uns nicht von Ultra-Größen – warum auch? Allerdings zieht das Forum bei Leuten, die sich nicht an unsere allgemeinen Foren-Regeln halten wollen, eine klare virtuelle Deadline. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Ultra, Hooligan, Kutte oder ganz normalen Fan handelt. Für uns steht die Meinungsfreiheit im Vordergrund, die aber bei Beleidigungen, Pöbeleien und ähnlichem ihre deutliche Grenze hat. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass bei uns so genannte Szene-Größen gesperrt werden, die sich dann später auf ihren eigenen Homepages über uns ausheulen, bisher eben stets leider auf eher niedrigerem Niveau und oftmals mit vielen Widersprüchen in den eigenen Äußerungen.

“Das aktuelle Ultras.ws-Forum gibt jedem Fan die Möglichkeit, sich über die Ultrabewegung zu informieren, aber auch seine Meinung zum Thema zu vertreten”, schreibt die Deutsche Akademie für Fußballkultur über uns. Ganz so abseitig ist diese Aussage gar nicht einmal, trifft sie doch nahezu unseren breiteren Ansatz einer offenen Informations- und Diskussionsplattform.

Ob die Ultrá-Bewegung überhaupt fortbestehen kann, ohne sich politischen Vorgängen zu öffnen und auch wirtschaftspolitische Zusammenhänge zu erkennen und notfalls zu behindern, mag mal dahin gestellt sein. Was hingegen auch immer wieder für Kritik sorgt ist die Werbung auf Eurer Seite. Überflüssig oder gar nicht wegzudenken?

Nein, die Werbung ist leider nicht wegzudenken, da wir mit stetig steigendem Traffic natürlich auch steigende Kosten haben. Gute und moderne Technik für einen reibungslosen Ablauf und hundertprozentige Erreichbarkeit – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, bei bis zu 200.000 Webseitenaufrufen täglich – ist nicht unbedingt billig. Wir benötigen allein dafür jährlich mehrere tausend Euro. Genau wie andere große Webseiten sind wir deshalb vom Geld, sprich den Sponsoren, abhängig. Der Vorteil von Banner- oder Textlinkwerbung ist jedoch, dass kein User tatsächlich Geld dafür zahlen muss. Niemand wird gezwungen, die Werbung zu klicken und die Sponsor-Webseiten zu besuchen. Zudem ist der Content-Bereich für angemeldete User werbefrei und keiner wird beim Schreiben oder Lesen aufdringlich mit Werbeeinblendungen belästigt. Außerdem haben die Sponsoren von Ultras.ws absoluten Content-Bezug und mancher User hat bei Aktionen oder Sonder-Angeboten so auch schon Geld beim Einkauf gespart.

Die Frage klingt schon ein wenig nach “Barfuß oder Lackschuh”. Eins ist doch klar: Ohne Geld funktioniert nun mal in einer kapitalistischen Gesellschaftsform rein gar nichts, noch nicht einmal bei Kommerz ablehnenden Ultras. Choreos, Spruchbänder, Fahnen, Doppelhalter, Buttons, Seidenschals, Fanzines oder Mitfahrgelegenheiten – alles kostet schließlich Geld und selbst der BFU wird ja auch nicht kostenlos angeboten.

Es gab mal Vorschläge zwecks eines Spendenbuttons in unserem Forum, dem wir aber als eingetragene journalistische und steuerzahlende Medien-Firma nicht nachkommen konnten. Dieser fiskalische Verwendungszweck ist in der Bundesrepublik nur Organisationen wie eingetragenen Vereinen vorbehalten (…)

Wenn wir mal in die Zukunft blicken: Welche Ziele habt Ihr dann vor Augen? Wohin soll der Weg führen?

Vielleicht beginne ich bei der Antwort mit einer Ansage von Stromberg aus der gleichnamigen Serie: Wer nicht mit der Zeit geht, der muss mit der Zeit gehen. Wir sind als Ultras.ws-Team jedenfalls mittlerweile sehr gut sortiert, haben unsere Erfahrungen gemacht, auch aus Fehlern gelernt und blicken alles in allem optimistisch voraus. Aber: Wer sich nicht verändert, läuft Gefahr abzusterben. Es ist im Prinzip wie im Fußball: Wer den Generationswechsel verpasst, ist quasi dem Abstieg geweiht. Dazu gehört im Internet, um in unserem Medium zu bleiben, neben den nachrückenden aktiven User-Generationen auch die sich ständig weiter entwickelnde Kommunikationstechnik (…)

Darüber hinaus wollen wir unser Netzwerk auf nationaler – aber auch auf internationaler – Ebene deutlich weiter ausbauen. Zunächst liegt unser Hauptaugenmerk dabei auf Österreich und der Schweiz, da durch den Vorteil der übergreifenden deutschen Sprache beste Kommunikationsvoraussetzungen bereits gegeben sind. Informationen für das breitere Publikum sind gerade dort noch sehr einseitig und werden hauptsächlich von der bunten Presse gesteuert, die fast gebetsmühlenartig das Bild vom bösen Hooligan projiziert. Dieses Manko wollen wir beseitigen helfen. Vielleicht noch etwas weiter vorausschauend kann man bereits seit einiger Zeit konstatieren, dass wir da in unserem Forum einen doch sehr lebendigen Polen-Thread haben.

Das endgültige Ziel könnte aus unserer heutigen Sicht durchaus ein großes kostenloses soziales Netzwerk mit Berichten, Podcasts, Videos, Bildern, Interviews oder anderweitigen Kommunikationsmitteln der Zukunft werden, wo User begreifen, dass sie fürs Geben auch etwas zurück bekommen, nämlich unzensierte Informationen aus erster Hand. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Und vielleicht bemerkt ja die, wie auch immer geartete, Fan-Szene unterwegs, dass Ultras.ws einfach ein kleiner Bestandteil dieser Szene ist – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

[BFU: Tim Geideck | UWS: outrider/MOD]

Das Interview wurde exhaustiv in Blickfang Ultra # 11 (Februar 2009) veröffentlicht.

”Lebbe geht weider“ (Dragoslav Stepanović).

– Post Scriptum –

Ultras.ws – The future is written? (20. Dezember 2015)

– Post Post Scriptum –

Ultras.ws goes Stadionfans.de (21. Dezember 2015)

“Die Kirche im Dorf lassen“

Nach erneuten Ereignissen um Fußball-Begegnungen wird dem Phänomen Ultras und Gewalt zum Teil wieder nur populistisch begegnet

“Krawalle, Pyro und Ausschreitungen“ (ultrafans.de) prägten am ersten März-Wochenende dieses Jahres mehrere Partien von der Bundesliga bis zur Regionalliga. Die Rauchschwaden sind kaum verzogen, körperliche und materielle Lädierungen noch nicht geheilt sowie sportrechtliche Nachwehen gerade erst angekündigt. Fast umgehend wird allerdings der Fußball-Fan als solcher und – Hooligans gleich mit in den Topf werfend – die Spezies Ultra im besonderen nahezu reflexartig und gleichwohl kaum differenzierend mit teilweise martialisch anmutenden Reaktionen aus gesellschaftlichen Höhenlagen bedacht.

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, verlangte, Spiele notfalls ohne Publikum zu veranstalten: “So extrem muss das möglich sein“. Nach Ansicht von Freiberg sei es nur eine Frage der Zeit, dass es beim Fußball Todesopfer geben werde. Gleichzeitig wurde die Forderung nach einem Reiseverbot von so genannten Problem-Fans zu Auswärtsspielen erhoben. Aus den Reihen der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) folgte der Vorschlag für die Möglichkeit von Präventivinhaftierungen “für Hooligans“. Rainer Wendt, DPolG-Bundesvorsitzender, erklärte, “notorische Krawallmacher“ ließen sich mit Reiseverboten oder Meldeauflagen kaum von den Stadien fernhalten. “Diese Schwerkriminellen beeindruckt nur, wenn sie die Spieltage hin und wieder in der Zelle verbringen“. Bereits im April 2008 hatte Fan-Forscher Gunter A. Pilz festgestellt: “Für viele Ultras ist ein Gefängnisaufenthalt sogar die bessere Perspektive als das bisherige Leben“.

Der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Helmut Spahn, bezeichnete die GdP-Befürchtung, künftig sei bei Fußball-Ausschreitungen mit Toten zu rechnen, als “völlig unseriös“. Zwar wolle er diesbezüglich “nicht von geistiger Brandstiftung reden, aber es ist nicht weit davon entfernt“.

Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) resümiert aktuell allerdings schon eine “problematische Entwicklung in den Fan-Kulturen“. Erst vor wenigen Tagen dokumentierte der Tagesspiegel die teilweise Entwicklung der bundesdeutschen Ultra-Szene von bedingungslosen Fans ihres Vereins hin zum Gang-Verhalten außerhalb der Stadien. Darin sieht Gunter A. Pilz jetzt seine vor rund drei Jahren aufgestellte These vom “Hooltra“ (Ultras, Hooligans, Hooltras?) bestätigt, nach der er damals prognostizierte, dass in den weitgehend friedlichen Ultra-Gruppen verstärkt gewaltbereite Teilgruppen entstehen würden.

Wie genau sich Gunter A. Pilz in der Ultra-Szene auskennt, verdeutlichte er beispielsweise wenige Monate nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als er innerhalb nur weniger Interview-Zeilen feststellte: “Die eingefleischten Fans, die Ultras, bekunden kein besonders großes Interesse an der Nationalmannschaft. Für sie sind diese Spiele ein Ausbund des Kommerzes. In Deutschland demonstrierten Ultras vor der WM gegen das Turnier, weil ihre Kreativität und Fankultur keinen Platz hatten (…) In Deutschland ist ein Teil der Ultra-Szene in den letzten Jahren gewalttätig geworden, vor allem in den neuen Bundesländern. Es handelt sich meist um Jugendliche mit wenig Bildung und Perspektiven, die ihre Ohnmacht mit Gewalt kompensieren. Weil diese Ultras politisch Rechtsextreme sind, identifizieren sie sich mit der Nationalmannschaft und provozieren Ausschreitungen (…)“. Und die seit gut einem Vierteljahr sagenumwobene Spezies des Hultra (Ultras? Hooligans? Hultras?) erforscht Gunther A. Pilz scheinbar noch, zudem vermutlich allein im Osten der Bundesrepublik.

Der KOS-Leiter Michael Gabriel sieht durchaus begründet nach den jüngsten Geschehnissen auch die Polizei in der Verantwortung, die ihre Einsatzkonzepte hinterfragen müsse, denn “das Arsenal, das man mal für die Hooligans entwickelt hat, ist Eins-zu-Eins auf die Ultras angewandt worden“. Die hauptsächlichen Ursachen für die vermehrt erscheinende Gewaltakzeptanz unter Ultras liegt für Gabriel in “zu wenig Wertschätzung von Seiten der Vereine“ und im Verhalten der Polizei, “die teilweise zu massiv und unverhältnismäßig gegen die Ultras vorgeht“. Diese Gängelungen hätten letztendlich gewaltbereite Gruppen bei den Ultras, “die mit positiven Absichten in die Stadion gekommen sind und mit Choreographien und anderen Dingen die Stimmung verbessern wollen“, gestärkt.

“Die Zunahme der Gewalt ist eine Art selbsterfüllende Prophezeiung“, bilanzierte Gabriel noch Anfang März. Auch nach den Vorfällen in letzter Zeit ist sich Gabriel sicher, “dass wir diese Phase positiv überstehen“. Gleichfalls seien alle Fans in der Pflicht: “Die Fan-Szenen müssen stärker Verantwortung übernehmen, für das, was in den Kurven passiert. Der große Rest der Kurve muss sich zu Wort melden“.

Man müsse definitiv keine Angst vor einem Gang ins Fußball-Stadion haben, stellte er zudem nach den Geschehnissen des ersten März-Wochenendes klar. “Ich finde, man muss ein bisschen die Kirche im Dorf lassen“, verlangte Michael Gabriel hinsichtlich des Begehrens nach Präventivhaft und Reiseverbot. In der vorjährigen Saison noch scheiterte der Versuch, den gesamten Anhang eines Vereins der damaligen Regionalliga-Nord unter Generalverdacht zu stellen und allen Anhängern den Besuch eines Auswärtsspiels zu verwehren (Der Fußball-Fan als Persona non grata). Aus den momentanen Äußerungen seitens der Gewerkschaften spreche, so der Frankfurter KOS-Leiter, “mindestens Hilflosigkeit“, zudem würden die Vorfälle “politisch instrumentalisiert“. Das in der Bundesrepublik recht stabile Verhältnis zwischen Vereinen, Fangemeinschaften und der Polizei werde durch die Polizeigewerkschaften mit ihren Äußerungen jetzt beiseite gewischt.

In der laufenden Saison ist es schon wiederholt zu Zwischenfällen in den bundesdeutschen Ligen gekommen. Resultierend hat der DFB die Geldstrafen gegen beteiligte Vereine drastisch erhöht und verschärfend auch bereits in mehreren Fällen Begegnungen unter teilweisem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden lassen. Spiele ohne Zuschauer seien für die DFL nur “als äußerste Sanktion“ gegen einen Verein vorstellbar, so Holger Hieronymus, Geschäftsführer Spielbetrieb der Deutschen Fußball Liga (DFL). Allerdings habe nicht der Fußball Hooliganismus und Rechtsextremismus zu verantworten. Den Forderungen der Polizeigewerkschaften widersprechend betonte Hieronymus, dass die Sicherheits- und Fanbeauftragten in ständigem Kontakt mit der Polizei stünden – gleichwohl könne der Fußball nicht die Aufgaben der Polizei übernehmen oder diese gar finanzieren.

Im gerade in letzter Zeit stark frequentierten ultras.ws-Forum wird der zitierte Begriff der Hilflosigkeit allerdings mit Inkompetenz übersetzt, die Beobachtungen zufolge bei “unkoordinierten Polizeieinsätzen in der Vergangenheit bei Fußballveranstaltungen an den Tag gelegt wurde“. In Folge dessen sei “das Verhältnis zum Ultra/Fan in der Kurve auf ein Höchstmaß strapaziert“. Die von den Polizeigewerkschaften geforderten Maßnahmen werden mit “Auch eine Idee, den Hass weiter zu schüren“ kommentiert. Fast schon philosophisch lautet das Online-Fazit: “Nun hat die Krise den Staat auch in seinem eigenen Machtinstrument eingeholt …“.

Der Ball wird weiter rollen und die Wahrheit, jedenfalls nach Otto Rehhagel, auf dem Platz liegen. Die andere Wahrheit sieht allerdings immer stärker anders aus. Das Magazin für Fußball-Kultur 11Freunde bilanzierte in seiner Ausgabe vom Dezember 2008:

“Nun ist es ja so, dass der heutige Profifußball für jeden Fan, ganz egal ob Kuttenträger, Normalo oder Ultra, mitunter nur sehr schwer zu ertragen ist. All die falschen Emotionen auf dem Platz, der Super-Sonntag im DSF … Reinhold Beckmann, horrende Eintrittspreise, die absurden Gehälter der Spieler und bis zur Unkenntlichkeit zerpflückte Spielpläne …“

Zudem hätten Vereine und Polizei “in den Jahren zuvor jede nur erdenkliche Anstrengung unternommen, um aktiven Fans den Aufenthalt im Stadion gründlich zu verleiden“. Was also wird letztendlich aus den Fans jeder Provenienz und dem Fußball im eigentlichen Sinne des Sports?

[Dieser Artikel wurde am 14. März 2009 – bebildert – bei Telepolis veröffentlicht.]

Die Würde der Fans ist antastbar

Bei den jüngsten Ereignissen um Fußball-Partien reflektiert sich das staatliche Gewaltmonopol eher in einem zwiespältigen Licht.

Werder Bremen spielte am 29. November in der Bundesliga gegen Eintracht Frankfurt. Im Vorfeld der Begegnung wurden – offiziell – 232 Frankfurter Anhänger zwischenzeitlich festgenommen und für gut sieben Stunden inhaftiert. Die Medien überschlugen sich daraufhin regelrecht – Gewalt, Randale, Brandschatzung lag in der Luft; die polizeiliche Berichterstattung tat ihr übriges.

Im Nachgang stellte ein Frankfurter Rechtsanwalt für mehrere betroffene Ultras Strafanzeige gegen den Einsatzleiter der Bremer Polizei, da diese “bar jeder Verhältnismäßigkeit vorgegangen“ sei. Die Eintracht Fußball-AG verlangte mittels Brief an das Bremer Polizeipräsidium eine Stellungnahme zu den Geschehnissen. Kolportiert wurde in dem Zusammenhang gleichfalls die Beobachtung einiger Frankfurter Fans, dass beim augenscheinlich völlig grundlosen Vorgehen der Polizei an diesem Tag zufällig ein TV-Team von Sat1 vor Ort und der Polizei-Einsatzleiter offenbar vom Sender verkabelt war. Später erklärte besagte Sendeanstalt gegenüber der Frankfurter Rundschau, es habe sich lediglich um Aufnahmen für eine langfristig geplante Reportage über Polizeieinsätze bei Bundesligaspielen gehandelt. Dem Bremer Innenausschuss wurde auch diesbezüglich ein Fragenkatalog vorgelegt (vgl. ultras.ws-Forum).

Bremens Innen-Senators Mäurer dankte hernach “allen Beamtinnen und Beamten sowie der Einsatzleitung für ihren couragierten Einsatz“. Die Zapp-Redaktion des NDR sendete am 10. Dezember – aus dem bis dato größtenteils undifferenzierten Main-Stream der Berichterstattungen ausscherend – zusammenfassend eine doch etwas andere Sicht auf die Bremer Ereignisse. Allerdings war zuvor der ’gemeine’ Fußball-Fan als solcher schon längst medien-öffentlich wieder entsprechend stigmatisiert worden.

Am 7. Dezember wurden bei der Oberliga-Nord-Begegnung Tennis Borussia gegen BFC Dynamo – in Berlin allerdings im Stadionbereich – ähnlich eher lapidare Vorgänge wie in Bremen als Grundlage für das hyperaktive Agieren der polizeilichen Einsatzkräfte nachträglich geltend gemacht. Und wie schon nach den Bremer Geschehnissen quellen die Fan-Foren quasi über von Berichten Betroffener. BFC-Präsident Uhlig warf gegenüber Spiegel-Online den mit mehreren Hundertschaften angerückten polizeilichen Einsatzkräften ein “unverhältnismäßiges Einschreiten“ vor. So sei es ihm “absolut unverständlich, wie Männer in voller Montur auf sechs- bis achtjährige Kinder und Frauen einschlagen können“. Wie in Bremen erscheint auch für Berlin die polizeiliche Berichterstattung und die darauf größtenteils unreflektiert aufbauende Medien-Öffentlichkeit nicht unbedingt differenziert – besonders erstaunlich auch, wenn beispielsweise solche Video-Dokumente von diesem Tag existieren.

Erst Mitte Mai diesen Jahres kam die Frage auf, ob das damals offenbar ohne jede Grundlage versuchte – und letztendlich auch gescheiterte – personelle Aussperren einer ganzen Fan-Gruppierung vom Stadion-Besuch “ein nur vorerst geplatzter Testballon für zukünftige Szenarien“ gewesen sei (vgl. Der Fußball-Fan als Persona non grata).

Ist das jetzt die Antwort? – Die Gewalt geht vom Staat aus? Die Fan-Szene wird nicht still halten. “Gegen Polizeiwillkür und Kinderschläger“ (ultrafans.de) ist bereits eine der Entgegnungen.

Im erst kürzlich erschienenen zweiten Band von “Schwarzer Hals und Gelbe Zähne – Fußballfans von Dynamo Dresden“ des Autors Pätzug findet sich das Zitat “Die Hooligans sind (…) aber schon längst nicht mehr das Problem. Schiss haben der Staat und die Vereine jetzt vor den Ultras. Gegen die Massen an Jugendlichen, die heute als Ultras die Kurven beleben und ansonsten im Vereinsumfeld für Bambule sorgen, hat die Polizei bis heute kein Mittel“. Zumindest ein Teil dieser These scheint überholenswert.

[Dieser Artikel wurde am 12. Dezember 2008 bei Telepolis veröffentlicht.]