Schlagwort-Archive: DER SPIEGEL

MedienScreen # 291 [Rammstein. Ausgerammt?]

[Fundstück] Andreas Borcholte, “Endstation Klamauk“, DER SPIEGEL, 30. April 2022 –

(…) Schon länger wurde gemutmaßt, dass Rammstein, 1994 in Berlin gegründet, mit “Zeit“ vielleicht ihr letztes Album veröffentlichen würden. Nachdem man es in Gänze gehört hat, ist diese Vorstellung nicht sehr schockierend. Die Zeit dieser großen, auch international erfolgreichen deutschen Band scheint vorbei zu sein (…) Die Buhmänner von einst, gefürchtet und bewundert für ihre martialischen Auftritte und ihre auf dem R rollenden Echos teutonischer Großmannssucht, schrumpfen mit ihren neuen Liedern auf Altherrenwitz-Format (…)

(…) Das Provokanteste an Rammstein 2022 ist für Fans sicherlich dieser neue, gezähmte Musikstil.

Vielleicht muss ein künstlerischer Zerrspiegel wie Rammstein seinen Schrecken verlieren, wenn sich in der Gegenwart realer Horror manifestiert, der Krieg in der Ukraine ebenso wie gewaltsame Übergriffe und Antisemitismus bei rechten Kundgebungen und “Spaziergängen“ von sogenannten Querdenkern (…)

(…) Den immer wieder unterstellten Flirt mit rechts haben Rammstein allerdings schon früh im Song “Links 2-3-4“ins Reich der Musikkritikerfantasie verbannt: “Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, doch/Seh ich dann nach unten weg/Da schlägt es link“, hieß es bereits 2001.

“Deutschland“, vom letzten, 2019 veröffentlichten Album, war dann der Liebesentzug für die Nation, die Abkehr von Übermensch und Tümelei mit grandioser Geste (…) Vielleicht hatten die ehemaligen DDR-Punks damit ihr bestes Pulver verschossen (…)

(…) “Tick-tack, tick-tack, du wirst alt/Deine Zeit läuft langsam ab“, singt Lindemann [2022] launig. Aber auch: “Ohne Schmerzen geht es nicht.“ Jetzt gerade tut’s richtig weh.

MedienScreen # 284 [Freedom Day light]

[Fundstück] Markus Feldenkirchen, “Zurück ins Leben“, DER SPIEGEL, 19. Februar 2022 –

Am 20. März also sollen (…) so gut wie alle Coronamaßnahmen auslaufen. Einige geschichtsvergessene Mitbürger sind darüber so aus dem Häuschen, dass sie von einem Freedom Day sprechen. Das ist, mit Verlaub, Kokolores und an Peinlichkeit kaum zu übertrumpfen. Als Freedom Day wurde bislang zum Beispiel jener Tag im Jahr 1994 bezeichnet, an dem in Südafrika die Apartheid endete (…) Oder der Tag der Nelkenrevolution in Portugal (…) Oder die Befreiung von Auschwitz. Bei uns geht es aktuell nur um den schnöden Umstand, dass man bald auch wieder ungeimpft in die Kneipe darf. Welch ein Hohn (…)

MedienScreen # 281 [Digitales Kasperletheater]

[Fundstück] Frauke Hunfeld, “Kann man seinen Computer töten?“, DER SPIEGEL, 30. Dezember 2021 –

(…) Was wir zu sehen bekommen von unserer Wirklichkeit ist nur noch die Benutzeroberfläche, nicht mehr die Wirklichkeit selbst. Ursache und Wirkung sind nicht mehr nachvollziehbar, man kann keinen mehr fragen, verantwortlich ist immer “das System“. Wir drücken Knöpfe, wir klicken Links, aber was dahinter geschieht: keine Ahnung. Wir sind wie Kinder im Kasperletheater, die mit dem Kasperle mitfiebern und schreien, wenn sie das Krokodil sehen. Die meisten von uns ahnen zwar, dass da hinter dem Vorhang einer sitzen muss, der die Puppen führt. Aber wer genau das ist und was er bezweckt und wie man im Notfall an ihn rankommt, wissen wir nicht. Können wir nicht wissen. Hauptsache, das Stück funktioniert und hat ein Happy End. Und das Kasperle überlebt.

MedienScreen # 273 [Happy Springtime (War Is Over?)]

[Fundstück] Alexander Osang, “Showdown“, DER SPIEGEL, 27. März 2021 –

(…) stieg ich auf den Mont Klamott, einen Trümmerberg in der Mitte Berlins. Auf der Spitze saßen Leute auf den besprayten Bunkerresten und sahen Richtung Westen, wo die Sonne über einer Skyline unterging, vor der amerikanische Kalter-Krieg-Filme gedreht werden könnten. Sie tranken Wegebiere, rauchten, in ihren Augen leuchtete das Abendrot. Es roch nach Weed. In meinem Kopf sang die unsterbliche Tamara Danz: “Auf dem Dach von Berlin, sind die Wiesen so grün.“ Es wurde Frühling, dachte ich. Der Krieg war vorbei (…)

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[Mont Klamott, Silly (1983) @ YouTube.com]

MedienScreen # 271 [U-COVID-19. Fußballernd blinder Überflug]

[Fundstück] Markus Feldenkirchen, “Schuss nicht gehört“, DER SPIEGEL, 13. Februar 2021 –

(…) Manche Verantwortliche des Profifußballs würden bei der Frage nach Demut und Verantwortung wahrscheinlich auf ein Sturmduo der dritten Liga tippen. Vorbilder sind sie bestenfalls im trickreichen Umgang mit Regeln, die ihren guten Grund haben und für alle gelten sollten (…)

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