Schlagwort-Archive: DER SPIEGEL

MedienScreen # 284 [Freedom Day light]

[Fundstück] Markus Feldenkirchen, “Zurück ins Leben“, DER SPIEGEL, 19. Februar 2022 –

Am 20. März also sollen (…) so gut wie alle Coronamaßnahmen auslaufen. Einige geschichtsvergessene Mitbürger sind darüber so aus dem Häuschen, dass sie von einem Freedom Day sprechen. Das ist, mit Verlaub, Kokolores und an Peinlichkeit kaum zu übertrumpfen. Als Freedom Day wurde bislang zum Beispiel jener Tag im Jahr 1994 bezeichnet, an dem in Südafrika die Apartheid endete (…) Oder der Tag der Nelkenrevolution in Portugal (…) Oder die Befreiung von Auschwitz. Bei uns geht es aktuell nur um den schnöden Umstand, dass man bald auch wieder ungeimpft in die Kneipe darf. Welch ein Hohn (…)

MedienScreen # 281 [Digitales Kasperletheater]

[Fundstück] Frauke Hunfeld, “Kann man seinen Computer töten?“, DER SPIEGEL, 30. Dezember 2021 –

(…) Was wir zu sehen bekommen von unserer Wirklichkeit ist nur noch die Benutzeroberfläche, nicht mehr die Wirklichkeit selbst. Ursache und Wirkung sind nicht mehr nachvollziehbar, man kann keinen mehr fragen, verantwortlich ist immer “das System“. Wir drücken Knöpfe, wir klicken Links, aber was dahinter geschieht: keine Ahnung. Wir sind wie Kinder im Kasperletheater, die mit dem Kasperle mitfiebern und schreien, wenn sie das Krokodil sehen. Die meisten von uns ahnen zwar, dass da hinter dem Vorhang einer sitzen muss, der die Puppen führt. Aber wer genau das ist und was er bezweckt und wie man im Notfall an ihn rankommt, wissen wir nicht. Können wir nicht wissen. Hauptsache, das Stück funktioniert und hat ein Happy End. Und das Kasperle überlebt.

MedienScreen # 273 [Happy Springtime (War Is Over?)]

[Fundstück] Alexander Osang, “Showdown“, DER SPIEGEL, 27. März 2021 –

(…) stieg ich auf den Mont Klamott, einen Trümmerberg in der Mitte Berlins. Auf der Spitze saßen Leute auf den besprayten Bunkerresten und sahen Richtung Westen, wo die Sonne über einer Skyline unterging, vor der amerikanische Kalter-Krieg-Filme gedreht werden könnten. Sie tranken Wegebiere, rauchten, in ihren Augen leuchtete das Abendrot. Es roch nach Weed. In meinem Kopf sang die unsterbliche Tamara Danz: “Auf dem Dach von Berlin, sind die Wiesen so grün.“ Es wurde Frühling, dachte ich. Der Krieg war vorbei (…)

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[Mont Klamott, Silly (1983) @ YouTube.com]

MedienScreen # 271 [U-COVID-19. Fußballernd blinder Überflug]

[Fundstück] Markus Feldenkirchen, “Schuss nicht gehört“, DER SPIEGEL, 13. Februar 2021 –

(…) Manche Verantwortliche des Profifußballs würden bei der Frage nach Demut und Verantwortung wahrscheinlich auf ein Sturmduo der dritten Liga tippen. Vorbilder sind sie bestenfalls im trickreichen Umgang mit Regeln, die ihren guten Grund haben und für alle gelten sollten (…)

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MedienScreen # 268 [Kulinarisch kulturelle Kulturlandschaften]

[Fundstück] Alexander Osang, “High Noon am Strand“, DER SPIEGEL, 30. Januar 2021 –

(…) Jeden Morgen lese ich, noch im Bett, in einem speziellen Corona-Newsletter, wie es Künstlern so geht, ohne Publikum, was sie machen, was sie lesen, fernsehen, worüber sie lachen, was sie kochen. Die meisten Kulturschaffenden leben anscheinend vegan. Niemand isst ein Spiegelei zum Frühstück, von Speck will ich gar nicht reden. Die Schlemmer unter den Autoren, Malern, Schauspielern und Musikern essen Porridge mit einem Schuss Hafermilch. Ich frage mich, was das alles mit der deutschen Kunst macht. Um munter zu werden, lese ich anschließend ein paar Kolumnen von Harry Rowohlt, der auf öffentlichen Lesungen rauchte und Whisky trank. Er sah nicht so gesund aus und ist auch schon tot. Seine Texte aber sind sehr lebendig.

Ein klassisches Rowohlt-Zitat lautet: “Freiheit ist, wenn man sich morgens fragt, was man wohl tun wird, Zwang ist, wenn man es weiß.“ (…)