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Dynamo Dresden – Football Army?

Sonntag, 14. Mai 2017. Saisonal 33. Spieltag in der zweiten fußballerischen Liga. Die Bilder rund um die Begegnung zwischen Karlsruher SC und Dynamo Dresden (3:4) sind allseits gepostet.

[Football TV, YouTube.com, 14. Mai 2017]

Überraschung?

“… Der politische Klassenkampf im deutschen Fußball wurde zuletzt durch den DFL-Boss Seifert via ’Kriegserklärung’ eingeleitet und eine Eskalation der angespannten Situation offensichtlich gezielt in Kauf genommen …“ [Ostfussball.com, 15. Mai].

“Worte wie ’Krieg’ haben auf dem Fußballplatz nichts verloren“ (Michael Born, Kaufmännischer Geschäftsführer Dynamo Dresden) [radiodresden.de, 15. Mai].

“… Die ’Football Army Dynamo Dresden’ hat sich einen starken Gegner ausgesucht …“ [DFB versteht Dynamo-Aufmarsch als Kriegserklärung, welt.de, 15. Mai].

[Ultra Style, YouTube.com, 14. Mai 2017]

“… Wie der DFB … reagiert, bleibt noch abzuwarten …“ [regenbogen.de, 15. Mai].

Quo vadis, RasenBallsport?

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“… Anlässlich des Zweitligaspiels von Dynamo Dresden beim Karlsruher SC wurden 15 Polizeibeamte und 21 Ordner verletzt. Auf Nachfrage … erklärte die Polizei Karlsruhe nun, dass keiner der Beamten schwer verletzt oder stationär im Krankenhaus behandelt werden musste.

Bei den 15 verletzten Polizeibeamten handelte es sich demnach durchweg um Knalltraumata, die durch zahlreiche Böller ausgelöst wurden, die von Dynamo Fans geworfen worden sein sollen. Schwindel und Gleichgewichtsstörungen können Symptome eines solchen Knalltraumas sein. Laut aktuellen Informationen des Pressesprechers der Polizei Karlsruhe, Martin Plate, liegen bisher jedoch keinerlei Krankmeldungen von Polizeibeamten wegen der Vorfälle beim Gastspiel von Dynamo Dresden in Karlsruhe vor. Einzelne Beamte hätten sich ärztlich behandeln lassen, seien aber dienstfähig geblieben. Die Verletzungen zogen sich alle der 15 Polizisten laut Polizeiangaben auf dem Fanmarsch oder am Eingangsbereich zum Gästeblock zu …

Die schwerste Verletzung des Spieltags hat sich hingegen ein Polizeibeamter zugezogen, der nach dem Spiel beim Verladen eines Polizeipferdes von dem Tier angegangen und am Kopf verletzt wurde. Dies erklärte Pressesprecher Plate … An diesem Vorfall war kein Fußballfan beteiligt … [faszination-fankurve.de, 17. Mai 2017].

[“Kriegserklärung der Dynamo-Ultras“ – muss der Rechtsstaat reagieren? | Rechtsanwalt Frank Hannig | YouTube.com, 17. Mai 2017]

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Hüpf-Verbot. Wort des Jahres?

Zeitgeschichte. Zum Nachlesen. Und ja nicht hüpfen dabei …

“(…) Das Hüpfen der Fans in der Magdeburger MDCC-Arena schadet dem Bauwerk stärker als bislang angenommen. Das geht aus ersten Ergebnissen einer baudynamischen Untersuchung hervor (…) Der unmissverständliche Appell der Landeshauptstadt als Eigentümerin des Stadions lautet daher: Fans, bitte unterlasst das Hüpfen auf den Rängen! (…)“ [Ottostadt Magdeburg, magdeburg.de, 22. November 2016].

“Die Durchführung der Heimspiele des 1. FC Magdeburg in der MDCC-Arena sind nur unter Gewährleistung der Sicherheit für die anwesenden Fans und Zuschauer möglich – dies genießt oberste Priorität für alle Vereinsverantwortlichen. Hüpfen ist seit jeher Teil der mannigfaltigen Fankultur von allen blau-weißen Anhängern (…) Als Maßnahme, ein generelles Hüpfverbot in den Blöcken bzw. auf den Tribünen auszusprechen, ist für ein Heimspiel mit tausenden Fans bzw. Zuschauern nicht umsetzbar“ [Mario Kallnik, Geschäftsführer 1. FC Magdeburg Stadion- und Sportmarketing GmbH, fanzeit.de, 24. November 2016].

“(…) Die Stadt Magdeburg hat dem 1. FC Magdeburg eine Nutzungsuntersagungsverfügung zugestellt, die einen Zuschauerausschluss aller Fans beim kommenden Sachsen-Anhalt Derby zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem Halleschen FC bewirkt (…)“ [faszination-fankurve.de, 24. November 2016].

“(…) Ausgerechnet jetzt, zwei Tage vor dem Heimspiel gegen den Halleschen FC wird diese Entscheidung getroffen? Was für ein Zufall! Dass es statische Probleme im Magdeburger Stadion gibt, wurde bereits vor geraumer Zeit bekannt. Die ganze Hüpferei soll nach Angaben die erwartete Lebensdauer der Tribünen mächtig verkürzen. Dass plötzlich die Zuschauer komplett ausgeschlossen werden müssen – das kommt dann doch sehr aus der Kalten. Und das genau zum Zeitpunkt, in dem durchsickerte, dass wohl doch etliche HFC-Fans sich auf dem Weg machen würden, um ihre Mannschaft in Magdeburg zu unterstützen. Bekannt wurde auch, dass die Magdeburger ’Freunde der dritten Halbzeit’ nichts von der ’Weichspülerei’ der beiden Ultra-Gruppierungen halten und beim Rückspiel in Halle dabei sein werden. Zwischen den Zeilen konnte somit entnommen werden, dass auch beim Heimspiel gegen den Erzrivalen mit voller Kapelle zu rechnen sei (…)

Mag alles Zufall sein. Gut möglich, dass aktuelle Gutachten ergeben, dass es wirklich nötig ist, die Ränge leer zu lassen und weitere Untersuchungen anzustellen. Dass viele FCM-Fans skeptisch sind, ist indes völlig verständlich. So meinte ein User unter dem entsprechenden Facebook-Eintrag des 1. FCM: ’Wenn man konsequent sein will müssten wir für alle weiteren Spiele ausgesperrt werden bis es baulich nachgebessert wurde. Wenn ihr aber das Stadion nach dem HFC Spiel wieder ganz normal öffnet ist es nen Faustschlag ins Gesicht!!’ Andere fragen ganz einfach: ’Wer soll euch das glauben?’ Sei es, wie es sei. Der Zufall spottet jeder Beschreibung. Das Heimspiel gegen den HFC birgt nach dem Tod von Hannes enorme Brisanz – und zwei Tage vor der Austragung platzt solch eine Meldung herein. Warum nicht vor einer Woche? Weshalb dermaßen kurzfristig?

Vor allem muss jedoch gefragt werden: Was für ein Stadion wurde gebaut? Wurde das Stadion einst für ein reines Popcorn-Klatschpappen-Publikum konzipiert? Bei aller Liebe, aber Ränge in einem Stadion müssen in der Berechnung stets viel Luft nach oben haben. Man muss mit rechnen, dass gewippt, gesprungen, getrampelt und gerannt wird. Gerade das rhythmische Wippen in einem Stadion ist ein verdammt alter Hut und keine neue Erfindung der Magdeburger Fußballfreunde (…)“

Hüpf-Verbot in Magdeburg. Nicht ohne weiteres umsetzbar, wird in der Pressemitteilung erklärt. Also wie weiter? Es dürfte spannend werden. Ein schriftliches Gutachten eines Ingenieurbüros steht noch aus. Wenn dieses kommt, wissen wir allesamt mehr. Wenn es dann heißt, na okay, das Stadion wird das Wippen schon verkraften, zumindest für die kommenden zehn Jahre, wird der Aufschrei groß sein. Weshalb die Sperre ausgerechnet beim brisanten Heimspiel gegen Halle? (…)“ [Marco Bertram, turus.net, 24. November 2016].

“(…) Beim Derby zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem Halleschen FC am Sonnabend werden nun doch Zuschauer in die MDCC-Arena gelassen. Das ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen der Stadt Magdeburg, dem Verein und Fanvertretern. Die Fanvertreter sagten zu, dass sie Hüpfaktionen unterbinden wollen.

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper hatte sich zuvor schon zuversichtlich gezeigt, dass das Derby doch vor Zuschauern ausgetragen werden kann (…)

Trümper appellierte im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT an die Fußballfans, Rücksicht zu nehmen. Es gebe nun mal eine Tribüne, die nicht dafür ausgelegt sei, dass dort stundenlang rhythmisch gehüpft werde. Das sollten alle beachten und zeigen, dass in Magdeburg vernünftig Fußball gespielt werden könne (…)“ [mdr.de, 25. November 2016, 14:59 Uhr].

Whatever.

Der Anstoß zur Begegnung 1. FC Magdeburg vs. Hallescher FC anlässlich des diessaisonalen 16. Spieltags in der 3. Liga soll am 26. November um 14 Uhr auf dem Rasen im Ernst-Grube-Stadion erfolgen.

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(Ernst-Grube-Stadion, 19. August 2007 – Foto: dehli-news.de)

Post Scriptum – Und nicht hüpfen nicht vergessen.

Honi soit qui mal y pense.

MedienScreen # 106 [Pyro Spotlight: Coca-Cola feat. UEFA EURO 2016]

[Fundstück] Marco Bertram, “’Euer Team braucht Euch!’ – Und angefeuert wird mit Rauch und Bengalen“, turus.net, 30. Mai 2016 –

Zugegeben, Werbespots von Coca-Cola interessieren mich nicht das viel zitierte Böhnchen. Als mir im Netz jedoch ein Bericht eines Kollegen “über den Weg“ huschte, wurde ich neugierig. Mal wieder ein Werbespot eines allseits bekannten Weltkonzerns, in dem – weil es so hübsch aussieht – Pyrotechnik zum Einsatz kommt. Und wahrlich, das Mitte April dieses Jahres ins Netz gestellte 30-sekündige Filmchen hat es in sich. Wow! In Sekunde 25 heißt es: “Euer Team braucht Euch!“ und zu sehen ist ein prall gefülltes Stadion. “Deutschland!“ ist Weiß auf Rot in Form einer großen Zettel-Choreo zu lesen. Links und rechts in den Kurven brutzeln dazu die Bengalen. Zwei rote nicht zu übersehende Brandherde. Einmal Unterrang, einmal Oberrang. Und nicht am Zaun, sondern hübsch mittendrin. Richtig Old School. Sieht ja auch besser aus. Einfach runterbrennen lassen die Teile und dann sorgsam unter einen Sitz gelegt. Aber vielleicht kommt ja auch ein netter Ordner mit einem Sandeimer vorbei. Keine Ahnung, was sich die Werbestrategen bei diesem Werbeclip gedacht haben, aber eine Frage stellt sich da schon: Wird solch eine Werbekampagne nicht mit den Verbänden abgesprochen? Immerhin ist Coca-Cola einer der wichtigsten Werbepartner der Fußballgroßveranstaltungen. Oder wurde einfach in Guerilla-Marketing-Manier der Clip ins Netz gehauen? (…)

Wie in einem Kino-Film (Jason Bourne lässt grüßen) gibt es zu Beginn eine Luftaufnahme von Berlin inklusive Telespargel. Ja, die ganze City Ost als Panorama! Meine Fresse, das ganze ZK der SED tanzt bei diesem Anblick in der Gruft. “Ooh, das sieht nicht gut aus. Die deutsche Mannschaft braucht jetzt die Unterstützung der Fans …“ hört man im Hintergrund eine Kommentatorenstimme. Jetzt aber. Wir alle! Gemeinsam! Zusammen packen wir das! Auferstanden aus Ruinen! Aufbau Ost, äh, Aufbau deutsche Nationalmannschaft, äh Mannschaft! Was auch immer! Runter von den Kissen, rauf auf die Straße! Jetzt! Angesprochen werden im Spot “nicht nur Fußballfans“, nein, “alle“ sollen helfen. Dabei sein. Anfeuern. Aus dem Büro direkt zum Stadion. Sogar vom Laufsteg. Und ja, auch die Mütter mit Kinderwagen werden aufgerufen. Und sogar vom Pflegeheim aus soll es direkt zum Ort des Geschehens gehen.

Und plötzlich befinden sich alle auf der Straße. Arme hoch. Deutschlandfahnen wehen. Und im Hintergrund – schön indirekt angeleuchtet (vielleicht legten paar Fans auch ein paar “Breslauer“ hin) – steigt der Rauch auf. Doch bevor es im Dunkeln zur Massenversammlung kommt, ist eine der Sequenzen davor auch bemerkenswert. Eine Nahaufnahme von ein paar Männern, die sich mit den Cola-Flaschen in der Hand auf den Weg machen. Betrachtet man das Ganze mal als Standbild, erkennt man, dass ein paar kernige Kerlchen dabei sind. Voila! Der in der ersten Reihe ganz rechts erscheint fast wie aus “Football Factory!“. Lächelnd zum nächsten Fight. Und die drei Typen im Hintergrund ganz rechts sehen auch aus wie Jungs von der dritten Halbzeit. Bei Sekunde 18 können sich auch zwei, drei Männer in der erstem Reihe sehen lassen. Na geht doch! Da hat die Casting-Abteilung doch mal recht ordentlich gearbeitet. Keine Typen mit bemalten Gesichtern und albernen schwarz-rot-goldenen Perücken. Nein, richtige Kerle! Bereit zu allem!

Vom Weichgespülten mal wieder zurück zu etwas mehr Kernigkeit? Was die Mütter mit Kinderwagen beim Aufmarsch sollen, ist dann jedoch die große Frage. Bei solch hitziger Atmosphäre sollte ein Baby nun vielleicht wirklich nicht mit dabei sein. Sein “Baby“ auf den Schultern hat indes am Ende des Spots einer der charismatischen Typen. Der Mob feiert, die sexy Lady auf den Schultern des Raspelkurzhaarigen schwingt die Arme wie auf einem Konzert, und im Hintergrund wurde wieder fröhlich gezündet. Roter und weißer Rauch wabert – als wäre es das Normalste der Welt – durch die Lüfte.

Schön anzuschauen? Na klar, kann sich sehen lassen. Wäre doch mal was, wenn solch ein Ausleben der Emotionen im realen Fußballleben wieder erlaubt, ja geradezu erwünscht ist. Solange aber im Ligaalltag mit medialen Keulen und verbandstechnischen Knüppeln auf jegliches Ausleben in den Fankurven eingeschlagen wird, ist solch ein Werbespot einfach nur eine reine Farce (…)

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Mit Dank & Gruß an Marco Bertram.

MedienScreen # 37 [Regionalliga NordOst, Steppender Bär?]

[Fundstück] Marco Bertram, “Regionalliga Nordost: Hort der Angst und am-Raddreher, oder doch das Fußballparadies?“, turus.net, 23. April 2015 –

(…) Zwei Klicks weiter fällt indes ein anderer Bericht ins Auge. Mein Lächeln wird zu einem Stirnrunzeln. “Fear and Loathing in der Regionalliga Nordost“. Veröffentlicht in der Sportrubrik von vice.com. Ins Auge fällt selbstverständlich die Foto-Collage, die als knackiger Aufmacher dient. Schwarz gekleidete Fans auf einem Zaun, mächtig Pyrotechnik in der Babelsberger Nordkurve, rennende behelmte Polizisten und der beschmierte Mannschaftsbus des FSV Zwickau. Der Wilde Osten?! Beim Herunterscrollen ahne ich bereits, was kommen wird (…)

(…) dann mal geschaut, wie der englische Autor die Regionalliga Nordost beschreibt.

Ich wäre sogar mit entspannter Neugier an diesen Text herangegangen, wenn nicht auf der FB-Seite von VICE Sports Deutschland mit folgenden beiden Sätzen angefüttert wird: “Die Qualität der Spiele ist niedrig, dafür die Bierpreise umso niedriger.”, “Schlägereien, fliegende Feuerwerkskörper und Naziparolen. – Willkommen in der Regionalliga Nordost.” Der erste Satz ist bereits eine Frechheit, denn weltweit dürfte es kaum eine andere vierte Liga geben, in der solch ein guter Fußball gezeigt wird wie in Deutschland. Sicherlich wird auch das Niveau in der vierthöchsten englischen Profiliga (League Two) nicht allzu übel sein, von daher mag man die Meinung eines Engländers noch durchgehen lassen (…) Beim Satz mit den Schlägereien und Naziparolen kommt indes schon fast Brechreiz auf (…) Müssen wieder einmal sämtliche Klischees bedient werden, um Leser zu ziehen?

Ja, ja. Der Osten. Dumpf. Gefährlich. Rechtslastig. Und der Fußball der Regionalliga Nordost ist auch noch unter aller Sau. Na, Hauptsache das Bier ist billig. Fein, fein (…) Aber zum Text: Gleich im ersten Abschnitt wird etwas von Provinzstädtchen, ewigen Talenten, gefallenen Helden und B-Elfs gesprochen. Und auch die verlotterten Tartanbahnen werden herangezogen. Der Wind, der einen so romantisch um die Ohren bläst. Vom blinden Fanatismus ist die Rede, und vom absoluten Desinteresse der anderen. Wovon ist hier die Rede? Von der dritten Spielklasse in Bosnien und Herzegowina oder in Mazedonien?

Provinzstädtchen? Fünf von 16 Regionalligisten kommen in der laufenden Saison aus Berlin. Ob die U23-Teams von Hertha BSC und des 1. FC Union Berlin sowie der extrem zuschauerschwache Berliner AK 07 bereichernd sind, ist die andere Frage. Allerdings bleibt der Fakt, dass fünf Mannschaften aus der deutschen Hauptstadt kommen. Hinzu kommen die Vertreter aus Potsdam-Babelsberg, Magdeburg und Jena. Allesamt ganz gewiss keine Provinzstädtchen. Und die anderen Vertreter? Halberstadt? Neustrelitz? Zwickau? Sicherlich keine Großstädte, aber sicherlich auch keine Dörfer. War der Autor des Textes bereits einmal dort? (…)

Im Jahr 2012 zog es den Autor Mike, der von England (Anhänger des Rochdale FC) nach Deutschland zog, zum ersten Mal in ein regionales Stadion. Er besuchte das Duell SV Babelsberg 03 vs. Karlsruher SC und seitdem war er “wider besseren Wissens vom Regionalligavirus befallen” (…)

Mike hatte sich sofort in Nulldrei verliebt und begleitete den Verein trotz diverser sportlicher Klatschen in die Regionalliga Nordost. Prima so. Wäre alles schön soweit, wenn nicht die große Klischee-Schublade aufgezogen werden würde. “Der Gang in den Wild Wild East.” Was soll ich dazu sagen? (…) Ja, den “Wilden Osten” gab es mal – und der hatte kurz nach dem Mauerfall in der Tat sehr hässliche Seiten. Die negativen Auswüchse wird wohl niemand in Frage stellen. Allerdings leben wir inzwischen im Jahr 2015 – und der Osten ist keinesfalls mehr der Osten wie vor 20 Jahren, als manch ein derzeitiger junger aktiver Fan der Gegenwart noch in den Windeln lag (…)

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(Friendly Far East, Vietnam – Foto: O.M.)

Zurück zum besagten Text bei VICE (…) nun kommt es zum Geschehen auf den Rängen. So seien in der Regionalliga Nordost die Fans der wahre Star. Und diese drehen völlig am Rad. Mal kurz überlegen. Wer dreht wo am Rad? Wenn es nach der Stimmung geht, drehen die deutschen Fußballfans – im Gegensatz zur derzeitigen Situation in den Stadien der oberen englischen Spielklassen – wirklich am Rad. Von der 1. Bundesliga bis hinunter zu den Regionalligen. Kein Phänomen im Osten unseres Landes. Auch im Südwesten und Westen gibt es Viertligisten, bei denen schon mal ganz kräftig “am Rad gedreht wird”.

Aber jetzt. Dieser Satz musste wohl sein: “Doch da wir in der Regionalliga Nordost spielen, wo überwiegend Teams aus den neuen Bundesländern am Start gehen, sind auch rechtsgerichtete Parolen oft nicht weit entfernt.” Möchte man in England auch solche stumpfen Klischee-Aussagen über ihre Regionen lesen? Burnley! Ist das nicht dieses verdammte Nest, wo nur hirnlose Hooligans und rechte Schläger die Pakistaner jagen? Und ja, sind englische Fußballfans nicht von Hause aus unterbelichtet, fettleibig und alkoholsüchtig? Richtig! Das möchte niemand in England lesen. Und ich würde auch im Traum nicht daran denken, das ernsthaft zu behaupten. Also! Rechtsgerichtete Parolen? Wo genau? Wir nehmen jetzt an dieser Stelle erst einmal die Konfliktspiele gegen den 1. FC Lok Leipzig und den BFC Dynamo außen vor. Erster Fakt: Tritt Babelsberg 03 mit seiner links-alternativen Fanszene an, kriechen beim Gegner durchaus Personen mit rechtem Gedankengut aus den Löchern. Das wird niemand bestreiten wollen, allerdings wollen wir ja über die Regionalliga Nordost als Ganzes sprechen.

Also nochmals: Jena? Magdeburg? Zwickau? Drei RL-Vertreter mit großer Anhängerschaft. Am Rad drehen? Rechtsgerichtete Parolen? Wohl eher kaum. Und falls aufgetretene Tore zum Innenraum der Magdeburger Old-school-Garde für Erschrecken sorgte – das ist kein ostdeutsches Phänomen. Solche Vorgänge können durchaus auch mal in Köln und Essen bestaunt werden (…) Aber nochmals: Wir sprechen von der gesamten Regionalliga Nordost. Etwaige Vorfälle in Aachen würde man schließlich auch nicht auf die gesamte Regionalliga West projizieren.

Ja, ich wirke – auf gut Deutsch gesagt – angepisst. Zurecht. Denn als jemand, der mit dem Fußball in dieser Region aufgewachsen ist, lese ich ungern von einem, der erst seit 2012 den Fußball hierzulande besucht, ungern folgendes: “Die Regionalliga Nordost erfüllt alle Stereotypen im Bezug auf Ostdeutschland, angefangen bei noch harmlosen Mode-Fauxpas auf der Tribüne, die meist mit der Jeans- und Turnschuhauswahl zu tun haben, über lächerliche Schlager-Klubhymnen bis hin zu Fan-Gewalt und rechtsextremen Parolen.” (…)

Der untere Teil des Textes wird richtig grässlich. “Doch der Fußball in den neuen Bundesländern war nicht immer eine solche Tristesse. Zu Zeiten der DDR waren ostdeutsche Vereine noch auf der europäischen Fußballbühne vertreten …” Und weiter: “Neben dem Feld schneidet der 1. FC Magdeburg von den vier Mannschaften noch am besten ab, wenn auch nur sehr relativ betrachtet … Leider sind Gewaltausbrüche dieser Art bei Spielen des 1. FCM keine Seltenheit. Das Spiel gegen mein Team aus Babelsberg in der letzten Saison musste gleich zwei Mal unterbrochen werden, weil Magdeburger Fans das Spielfeld stürmten und gefährliche Pyrotechnik zum Einsatz kam.” Mir fehlen die Worte. Und das vor allem deshalb, weil ich mich beim 1. FC Magdeburg recht gut auskenne (…) Falls Pyrotechnik indes generell strikt abgelehnt wird, sollte das im Text durchaus deutlich rübergebracht werden.

Dass es noch dicker kommt, war beim Lesen zu erwarten. “Doch im Vergleich zum BFC Dynamo sind die Fans des 1. FCM noch echte Engel. Zu sagen, dass der BFC Dynamo der verhassteste Fußballverein in Deutschland ist, wäre noch eine Untertreibung. Diesen Ruf hat man sich aber auch redlich verdient.” Schön, dass man als 2012-Fußball-Hinzugezogener eine solch klare Äußerung treffen kann (…) Fertig ist der ostdeutsche Salat!

Ein weiterer Auszug aus dem besagten Bericht: “Und nein, das sind eben leider keine Einzelfälle. Ich könnte noch unzählige weitere Beispiele anbringen – etwa über den FSV Zwickau, dessen Fans auch nicht gerade Kinder von Traurigkeit sind. Oder über Polizisten, die ihren Frust darüber, zu ‘Drecksvereinen’ wie Babelsberg geschickt zu werden, an uns Fans auslassen, indem sie nur allzu gern zu Schlagstock und Pfefferspray greifen. Denn eine Sache muss dir klar sein: In der Regionalliga Nordost hört dich niemand schreien.” Unzählige weitere Beispiele? Nur zu. Wenn schon, denn schon. Der Bericht versickert allerdings in den letzten Abschnitten (…)

Mein persönliches Fazit: Schön, dass das Bier prächtig lief. Besser macht es den Bericht trotzdem nicht. Ich gehe jetzt in die Küche, tanke einen Becher Wasser nach, drehe nochmals eine Runde auf dem Tempelhofer Feld und lasse den wirklichen einstigen Wilden Osten im Geiste nochmals Revue passieren. Auch wenn sich manch ein Heranwachsender still und heimlich genau diesen in der Gegenwart wünscht und erwartet – sorry, genau diesen Klischeebehafteten gibt es nicht mehr. Was nicht heißen soll, dass es in den ostdeutschen Fankurven nicht rockt! 😉

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Mit Dank & Gruß an Marco Bertram.

[Dieser Beitrag wurde am 27. April 2015 bei Ostfussball.com publiziert.]

Marco Bertram – Gespräch zwischen den Welten

Seit einigen Tagen nun ist die Publikation “Zwischen den Welten“ von Marco Bertram auf dem Büchermarkt. Karsten Höft merkte in einer der ersten und in seiner zugegeben ’subjektiven Rezension’ zu der Veröffentlichung unter anderem an: “Das Buch mixt amüsant und spannend die persönliche Entwicklung einer ganzen (Fan-)Generation locker mit fußballerischen Fakten. Für mich steht das Buch als Synonym für die Entstehungsgeschichte von turus.net und warum Marco und ich das hier eigentlich machen: die Liebe zum Spiel mit all seinen Facetten auf und neben dem Platz. Als ’fettes Teil’ würde Marco sein Werk selber bezeichnen und das ist es wahrlich: 1.322 Gramm, 368 Seiten, 300 Fotos komplett in Farbe sprechen eine eindeutige Sprache“ (turus.net, 8. Oktober 2014).

Noch ein Fußball-Buch mehr also? Nur ein Fußball-Buch mehr also?

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(Foto: O.M.)

Aus gegebenem Anlass der Buchveröffentlichung sprach Stephan Trosien (NOFB Shop) mit dem Autor von “Zwischen den Welten“.

Nachfolgend wird dieses Gespräch auszugsweise dokumentiert –

[S.T.] Moin Marco, die vergangenen Monate haben wir hart an Deinem Erstlingswerk ‘Zwischen den Welten’ gearbeitet. Wie zufrieden bist Du mit dem Ergebnis und hast Du bereits erste Reaktionen bekommen?

[M.B.] Ein fröhliches ‘Moin’ zurück. Ich bin überaus zufrieden. Vor einem Jahr hätte ich es nicht erwartet, dass mein erstes Fußballbuch solch ein aufwändig gestalteter Brocken mit dermaßen vielen Fotos wird (…) Das Buch in gedruckter Form in den Händen zu halten, war ein herrliches Gefühl. Das letzte Jahr war wirklich hart. Ich stand – glaube ich – kurz vor dem totalen Burnout. Es ging ja nicht nur ums Schreiben – das tue ich jeden Tag auf turus.net -, sondern vielmehr schlauchte es, so tief in manche Dinge aus der Vergangenheit einzusteigen. Im Buch steckt quasi fast mein ganzes Leben (…) Und die ersten Reaktionen? Überaus erfreulich. Mein Umfeld zeigt sich sehr erfreut über die Tatsache, dass turus-Marco – in manchen Foren noch als Sambamarco bekannt – endlich was auf Papier gebracht hat.

[…]

[S.T.] Wie hast Du eigentlich die Veränderungen in den Fankurven in den vergangenen 24 Jahren wahrgenommen?

[M.B.] Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Schnell spricht man von der ‘guten alten Zeit’, doch Anfang der 90er war es nicht nur geil. Es gab auch viel Tristesse, halbvolle Stadien, verdammt ungemütliche Kurven an einem regnerischen Novemberabend. Die Fans waren meist unorganisiert. Solche knackige Märsche wie in der Gegenwart hätte ich mir damals gern gewünscht. Der Mob rannte damals ins Stadion, trank etliche Pilsetten, pöbelte auf Teufel komm raus. Klar, es war auf eine Art herrlich und unbeschwerlich (…) Fußballfans hatten keine Lobby, galten meist nur als Assis und Proleten. Die junge Generation ist heutzutage gut strukturiert. Da kann man teilweise nur den Hut ziehen. Sie mischen sich ein in die Vereinspolitik, kämpfen für ihre Rechte, für alte Vereinsembleme, kämpfen an gegen Unrecht und verschaffen sich Gehör. Was allerdings den Sicherheitswahn und die kommerziellen Auswüchse betrifft – da wird mir manchmal einfach nur schlecht. Kein Wunder, dass ich mich in den unteren Ligen wohler fühle.

[…]

[S.T.] Wenn Du etwas am heutigen Fußball ändern könntest, was wäre das?

[M.B.] Da gibt es einige Dinge. Stopp des Neubaus von gesichtslosen 0815-Stadien. Manch ein Gästeblock in der ersten und zweiten Bundesliga ist auch ein reiner Witz. So wie in der Alten Försterei – so muss das sein. Gäste sollen sich als Gäste fühlen – und nicht als notwendiges Übel, das man in einen Käfig in der äußersten Ecke oder auf den dritten Oberrang verfrachtet. Und ja, weniger Polizei! Klingt platt, ist es aber nicht. Was für sinnlose Aktionen ich sehen durfte in all den Jahren! Tausende Polizisten bei einem Fußballspiel. Ein totaler Irrsinn (…) Der Fußball wird nie ohne Polizei auskommen, doch das überaus martialische – und teilweise auch provokante – Auftreten manch einer Einheit muss nun wirklich nicht sein. Ich könnte mich jetzt in einen Rausch schreiben. Doch stopp, das ist ein weiteres Buch wert. Ich ergänze an dieser Stelle nur noch: Eintrittspreise im Fußballoberhaus runter! Erhalt der eingetragenen Vereine – echtes Mitspracherecht für Mitglieder beziehungsweise Fans! Solchen Konstrukten wie RasenBallsport Leipzig Einhalt gebieten. Mit einem vernünftigen Vereinsnamen und einem echten Logo, hätte man halbwegs mit leben können. Doch in dieser Form, ist es schwer, ein Befürworter solcher Vereine zu werden …

[S.T.] Gibt es eigentlich Stadien und Regionen, die Du unbedingt noch bereisen möchtest?

[M.B.] Schnell kristallisierte sich in den 90ern heraus, dass ich mich auf den Britischen Inseln, in Brasilien, auf dem Balkan und in Polen am wohlsten fühle. Die eine oder andere zukünftige Fußballtour darf mich gern in diese Gegenden führen. Untere Ligen in England – ein Projekt für die nahe Zukunft. Aber eines ist klar: Ich bin offen für manch eine Tour, doch tagelang in Nachtzügen zu pennen, die Nächte in Ruinen, in Parkanlagen und gammeligen Bahnhöfen zu überbrücken – aus diesem Alter bin ich raus. Ich hatte reisetechnisch so ziemlich alles ausprobiert – und ich hatte manches Mal mehr Glück als Verstand gehabt. Einige Touren waren nicht ohne – Kusshand nach oben, dass ich hier noch heil dasitzen darf und euch diese Zeilen schreiben darf.

[nofb-shop.de, 10. Oktober 2014]

Post Scriptum: Chapeau, Marco Bertram!

[Dieser Beitrag wurde am 10. Oktober 2014 bei Ostfussball.com veröffentlicht.]

* Trailer zum Buch “Zwischen den Welten – Adrenalin pur: Fußball von 1990 bis 2014″ von Marco Bertram (YouTube, 23. September 2014)