Gerichtsjahre mit der Faust des Ostens

Am 22. August 2013 teilte die Dresdner Staatsanwaltschaft offiziell mit, dass gegen fünf mutmaßliche Anführer der als kriminell eingestuften Fangruppe Faust des Ostens (FdO) aus dem Umfeld von Dynamo Dresden Anklage erhoben worden ist. Bei Ermittlungen gegen die Gruppierung hatten Dresdner Polizei und Staatsanwaltschaft am 5. Juni 2012 in Sachsen insgesamt 17 Wohnungen und Firmenräume durchsucht.

Im Laufe der Saison 2011/12 verbannte die aktive Dresdner Fan-Szene die Faust des Ostens als Gruppe aus dem K-Block im Rudolf-Harbig-Stadion (RHS). Optische Zeichen der FdO sind allerdings im Stadtgebiet und auch in der Region nach wie vor nicht zu übersehen, obwohl – Gerüchten zufolge – die Dresdner Ultra-Szene alle öffentlich sichtbaren Zeichen der Faust des Ostens zu taggen, sprich übertünchen, beabsichtigte.

(Noch immer unweit des RHS – Foto: O.M.)

Die Tatvorwürfe gegen die “auch rechtsextreme“ FdO belaufen sich auf Bildung einer kriminellen Vereinigung, gefährliche Körperverletzung, Landfriedensbruch und schweren Bandendiebstahl. In dem bei der Staatsschutzkammer des Landgerichts Dresden anhängigen Verfahren gegen die Angeklagten der Faust des Ostens “ist jedoch fast fünf Jahre nicht Wesentliches mehr passiert. Da keiner der Angeklagten in Untersuchungshaft saß, sah sich die Kammer gezwungen, andere Prozesse vorzuziehen“, resümiert aktuell für die Sächsische Zeitung Gerichtsreporter Alexander Schneider.

“(…) Vergangene Woche gab es ein wenig Bewegung. Die Richter haben das Verfahren eröffnet. Damit kamen sie der nach fünf Jahren drohenden Verjährung zuvor. Ein Prozesstermin ist derzeit jedoch nach Angaben des Landgerichts nicht in Sicht (…)“ [Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 4. Juni 2018].

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MedienScreen # 189 [Dynamo Dresden. Birthday. Thoughtful.]

[Fundstück] Henry Boss, “Eine große Liebe, die leider zerbrochen ist“, ’DYNAMO Spezial’, Dresdner Morgenpost (Print-Ausgabe), 12. April 2018 –

(…) Das Kommen und Gehen, die von der Mehrzahl der Spieler lediglich inszenierte Identifikation mit dem Verein, die vergessen ist, sobald ein anderer 50 Cent pro Stunde mehr bietet, die Abschottung von der Außenwelt, das Hochstilisieren der Kicker zu “Helden“, nur weil sie mal das Tor getroffen haben, die Zensur von Interviews, dazu die Überhöhung des Fußballs und dessen Finanzgebaren insgesamt – nein, das alles ist nicht mehr mein Ding (…)

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(RHS, 30. August 2006 – Foto: dehli-news.de)

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Notabene – Des Zitators [OM] erste ’Begegnung der dritten Art’ datiert auf den 12. April 1975 im Rudolf-Harbig-Stadion (RHS).

The Times They Are a-Changin’.

’Football Army Dresden’. Ultras Dynamo. Geheimakte Trabant?

Nach wie vor, so berichtet aktuell die Sächsische Zeitung, ermittelt die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hinsichtlich des nachgänglich nicht gerade wenig Aufsehen erregenden Fan-Marsches Dresdner Fußballanhänger aller Provenienz zum vorsaisonal 33. Spieltag der bundesdeutsch zweithöchsten rasenballsportlichen Spielklasse – am 14. Mai 2017, you remember?

“Wir werten immer noch das beschlagnahmte Material aus“, zitiert die Sächsische Zeitung Tobias Wagner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Bei dahingehenden Durchsuchungen waren nachfolgend Anfang Dezember 2017 insgesamt 300 Smartphones, Computer und andere Speichermedien beschlagnahmt worden. Außerdem wurden der beim damaligen Fan-Marsch anführend mitgeführte Trabant, Pyrotechnik, eine Gummigeschosswaffe sowie ein Schlagring sichergestellt.

Staatsanwalt Wagner betont, dass Tabletts, Laptops und Personalcomputer wieder zurückgegeben worden seien. Nur die Auswertung der Smartphones sei noch nicht abgeschlossen und auch der Trabant vorerst weiter beschlagnahmt [Sächsische Zeitung (Print-Ausgabe), 17. März 2018].

Der Trabi? Ist seine Aussage zu erwarten? Zeitnah? Was weiß er wirklich? Fragen über Fragen.

Seit einiger Zeit koordiniert unterdessen ein Solidaritätskomitee Dynamo die Unterstützung von Anhängern der SG Dynamo, die unmittelbar zu den damaligen Karlsruher Ereignissen in den staatsanwaltlichen Fokus geraten sind: “28 Betroffene – Gemeint sind alle“ … und der Trabant.

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MedienScreen # 187 [Ultras. Deadlines. Over the Top?]

[Fundstück] “Braucht Ultrà ein Ende?“, Ein anonymer Leserbrief @ ERLEBNIS FUSSBALL (Print-Ausgabe 73), Februar 2018 –

(…) Es wird weiter gehen und man wird sich weiter biegen und hadern, um dann trotzdem jeden erdenklichen Scheiß zu fressen. Wir haben uns allen irgendwann mal eine rote Linie gezogen. In ferner Zukunft sollte es etwas geben, das für einen unverhandelbar ist. Ganz nach dem Leitspruch: Wenn das so kommt, dann kann ich nicht mehr weitermachen (…) Es wurden besagte rote Linien gezogen, Spitzen von Eisbergen erklommen, um letztendlich zu signalisieren: Bis hierher und nicht weiter! Doch wo die endgültige Konsequenz dann für Ultrà insgesamt liegt, beantwortet ein jeder für sich selbst. Wann kann ich nicht mehr in den Spiegel schauen? Wann muss ich mir eingestehen, dass all das, was früher noch in so “ferner Zukunft“ war, Realität geworden ist? Wann kann ich da nicht mehr hingehen? Und es geht mir nicht darum, mit Ultrà zu brechen und den Samstagabend in der Großraumdisko zu verbringen. Es geht darum, mit den roten Linien umzugehen und seine Konsequenzen zu ziehen – Ultras weiterzuentwickeln. Wie das auszusehen hat, konnte bisher noch keine Szene zeigen. Es scheint mir vielmehr so, dass sich überhaupt kaum eine Szene bisher solche Fragen gestellt hat (…)

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Ultra-Kunst im SPIEGEL. Weil das Magazin es kann?

Es könnte, angenommen, ein Lückentext als Grundlage gedient haben. In den dann vorgegebene – holzschnittartig urteilende – Begriffe möglichst kunstvoll verquirlt einzufügen waren, günstigstenfalls in einem Halbsatz kulminierend. So schwierig konnte das Unterfangen für die Kulturredaktion des SPIEGEL nicht gewesen sein.

Und so steht in besagtem Nachrichtenmagazin vom 24. Februar dieses Jahres auf einer der Kulturseiten unter der Headline “Fotografie – Ultras für die Oper“ mehr als nur wenig verquast zu lesen …

“… Für ein anderes Plakat fotografierte er [Andreas Mühe] 1200 Fans des Fußballvereins Dynamo Dresden in der Semperoper – und zwar die oft als rechte Hooligans verrufenen Ultras. Wie lassen sich die Vermummten mit klassischer Musik, in diesem Fall mit Giacomo Meyerbeers ’Die Hugenotten’, in Einklang bringen? … Wie passen die Motive, die allesamt irritieren, zusammen? Der Fotograf sagt, die Bilder hätten zu tun ’mit der Zeit, in der wir leben’. Ganz sicher sorgt er dafür, dass nun alle über die Oper reden.“

Offenbar von Ulrike Knöfel (Autorenkürzel uk) verfasst, wurde eine fußballerische Fanszene selten so prägnant undifferenziert dargestellt – quasi Punktlandung in einem Halbsatz. Alle vorverurteilenden Begriffe abgearbeitet, begrifflich leicht verwürfelt sowie noch dazu pseudorelativierend. Wenn das keine tiefer greifende journalistische Sprachkunst ist. Chapeau.

Und bevor “nun alle über die Oper reden“, sei an dieser Stelle erst einmal leise Dank gesagt. Ganz einfach so. Wofür, mag jeder selbst entscheiden.

“Es ist eine phantastische Aufnahme entstanden. Andreas Mühe hat uns drei Motive zur Auswahl gestellt, gemeinsam haben wir uns dann für das Foto entschieden, das wir alle für das stärkste halten“, erklärte Susanne Springer, Leiterin Kommunikation und Marketing der Semperoper. “Die Oper voll mit maskierten Dynamo-Fans, das ist sehr ungewöhnlich. Gleichzeitig ist es eine unglaubliche Chance, diese zwei verschiedenen Kulturen, die vielleicht gar nicht so verschieden sind, auf einem Bild zu vereinen.“

“In diesem Bild steckt viel Energie, es transportiert die Stimmung, die ich auf der Bühne als Beobachter empfunden habe. Vielleicht trifft es auch das Gefühl, wenn ich sage, dass wir die Semperoper an diesem Abend für ein paar Minuten alle zusammen geentert haben. Ohne dabei einen einzigen Kratzer zu hinterlassen“, sagte Fotograf Andreas Mühe. “Es war für mich eine Ehre, dass Ultras Dynamo mir ihr Vertrauen geschenkt und sich einhundertprozentig auf die Arbeit mit mir eingelassen haben.“ (dynamo-dresden.de, 26. Februar 2018)

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[DynamoTV, YouTube.com, 12. März 2018]

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